Die toten Augen von London - ein deutscher Klassiker

24. September 1977, 23.35 Uhr:
Das ZDF zeigt einen älteren Herrn mit Stock, der im schwarzweißesten Nebel nachts durch einsame Straßen läuft. Aus dem Nichts taucht ein weißer Lieferwagen auf; der unsichtbare Fahrer lenkt das Fahrzeug mit brutaler Absicht bedrohlich nah an den alten Herrn heran. „Sie Flegel!“, schimpft dieser mit grobem Ton, und wir ahnen schon, dass es für den Spaziergänger noch viel übler kommen wird.

Mit elf Jahren war ich sowas von drin im Geschehen. Meine Eltern schlugen mir angesichts der sich plötzlich in unserem Wohnzimmer breit machenden, gruseligen Stimmung vor, auf den Film zu verzichten und lieber schlafen zu gehen. Doch irgendwie konnte ich mich durchsetzen und bezahlte meine Beharrlichkeit schließlich mit einer angstdurchtränkten Nacht. Allerdings hatte ich dafür einen echten Klassiker gesehen, einen selten unheimlichen Film, der im deutschen Nachkriegskino seinesgleichen sucht!

Die toten Augen von London (1961) ist Alfred Vohrers erster Beitrag zu den Edgar-Wallace-Filmen der 1960er Jahre – und gleich ein Meilenstein im deutschen Kriminalfilm überhaupt. Waren zuvor bereits kompetente Leute wie Harald Reinl und Jürgen Roland als Regisseure für die Serie tätig, so gab Alfred Vohrer den deutschen Wallace-Filmen eine eigene Filmsprache, die das Genre „Edgar-Wallace-Filme“ zu einer ganz eigenständigen und schnell wiedererkennbaren Marke machte. Viele andere Kriminalfilme orientierten sich genau an diesem Vohrer-Stil oder versuchten ganz bewusst, alternative Wege zu gehen.

Auch wenn Alfred Vohrer noch nicht vollends in seiner eigenen Ästhetik angekommen war – wie zum Beispiel zwei Jahre später in Der Zinker –, so zeigten sich doch bereits sehr deutlich die typischen Merkmale wie Zooms, Schwenks und fantasievolle Detailaufnahmen. Kameramann Karl Löb setzte das kongenial um und wurde Vohrers bevorzugter Mann für die kommenden Jahre. Kamera, Schnitt und die bizarre wie aufregende Musik von Heinz Funk erzählen die Story so reißerisch wie möglich.

Dabei ist das Reißerische nicht dazu da, inhaltliche Leere auszubügeln, wie manche Kritiker ätzten, sondern stilbildend als filmische Erzählweise zu verstehen. Oder anders gesagt: Das Reißerische soll nicht die Handlung erzählen, sondern die Handlung gibt Gelegenheit, uns reißerische Momente zu schenken. Denn die haarsträubenden Geschichten von Edgar Wallace verlangen genau das.

Die Atmosphäre ist fast schon expressionistisch bis zum Siedepunkt hochgekocht, die Fratzen extremster Typen werden von der Kamera herangezoomt, und hin und wieder erlebt man Dinge, die nur in Vohrers hysterischer Filmwelt vorkommen können. Zum Beispiel ergibt – natürlich untermalt von hektischer Musik – die panische Flucht von Klaus Kinski nach Harry Wüstenhagens Sturz in den Fahrstuhlschacht erzählerisch gar keinen Sinn; wir erfahren nicht einmal genau, wer wirklich für diesen Mord verantwortlich war. Aber Kinskis Szene ist ein Kommentar zum Geschehenen: Statt Fakten zu erhalten, werden wir von Alfred Vohrer wieder einmal emotional hochgepusht. Wir sollen nicht begreifen, sondern uns aufregen, lieber den Wahnsinn spüren als den Sinn durchschauen.

So erleben wir viele Mord- und andere Szenen, die aus einer saftigen filmischen Fantasie geboren wurden. Vohrers Erzählstil ist zugegebenermaßen Trivialkino – aber letztlich ist es das bei Hitchcock, Lynch oder Tarantino auch. Gerade Letzterer wusste Vohrer ja außerordentlich zu schätzen. Dass Alfred Vohrer in Deutschland eine individuelle Filmsprache bis fast zur Perfektion entwickelt hatte, ist bei weitem noch nicht genug gewürdigt worden.

Sie ist der Boden, auf dem sich grandiose Schauspieler wie Klaus Kinski, Dieter Borsche, Harry Wüstenhagen, Adi Berber, Walter Ladengast oder Rudolf Fenner als archaische Unterwelttypen in unser Gehirn einbrennen konnten. Joachim Fuchsberger, Karin Baal und Eddi Arent sind unsere positiven Compagnons auf der Reise durch das schwarzweiß vernebelte London und bleiben damit über den Film hinaus lieb gewonnene Freunde, mit denen man unfassbare Abenteuer erlebt hat, die man niemals vergessen kann.

Gut, dass die düstere Handlung in Hamburg und nicht in London gedreht wurde. Weg vom Realismus und hinein in eine stilisierte Welt! Zu viel Realismus und Naturalismus würden die kruden Wallace-Stories nämlich lächerlich machen. Endlich einmal Leichtigkeit im deutschen Kino – problembeladene Selbstzerfleischung hatte es dort schon immer genug gegeben und sollte es auch noch lange geben.

Ich wüsste kaum etwas Besseres im deutschen Krimi und nur wenig vergleichbar Gutes im deutschen Film. Hier war man mit Lust und Talent bei der Sache, und heraus kam ein Film, der es bei der selbstzermürbenden Kritik schwer haben sollte, beim Publikum jedoch über Jahrzehnte nicht. Ein echter deutscher Klassiker eben.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.