Original: Ad ogni costo (dt.: „Um jeden Preis“)
Bossa Nova statt Fahrstuhlmusik
Die brasilianische „Bossa Nova“ schwebt in scheinbar unkomplizierter Leichtigkeit dahin. Sommerlich freundlich und dennoch unendlich melancholisch. Ihrer rätselhaften Suggestivkraft liegen viel komplexere Harmonien zugrunde, als man ahnen würde oder wissen muss. Die hohe Qualität der Musik drängt sich niemals vordergründig auf. Selbstverständlich und damit bescheiden. Südamerikanische Eleganz. „Ad ogni costo“ hat es nicht verdient, Jahrzehnte später als Eurothriller unter vielen wie die Folge einer Krimiserie konsumiert zu werden. Wer nur auf schnellen Thrill fokussiert ist, verpasst den eigentlichen Film. Zugegeben: Begegnet man einem deutsch-italienisch-spanischen Euro Thriller von 1967, erwartet man eher unfreiwilligen Humor als große Filmkunst. Der deutsche Anteil am Machwerk bedeutet ohnehin nur die monetäre Beteiligung an den Produktionskosten sowie die Entsendung zweier deutschsprachiger Darsteller, die allerdings längst nicht mehr in Deutschland leben und von denen sich einer (Klaus Kinski) noch nicht einmal selbst synchronisiert. Das Darstellerensemble erscheint wie so oft in dieser Zeit zwar opulent, doch in seiner wilden Heterogenität zunächst zweifelhaft. Dass ein in Spanien produzierter Film von einem damals noch unbekannten italienischen Regisseur stammt, passt ins negative Klischee. Doch die Vorurteile sind nicht gerechtfertigt und gerade durch den Regisseur Giuliano Montaldo wird „Ad ogni costo“ allen Negativ-Klischees widersprechen. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran hat auch der auf den ersten Blick unspektakuläre Score von Ennio Morricone. Seine Titelmusik erscheint übermütig und albern. Statt eines traditionellen Musikinstrumentes trötet ein Synthesizer die banale Melodie, die Rhythmus-Gruppe poltert einen unangemessenen Beat und ein Kinderchor umrankt den musikalischen Lärm, als würden sie ihren Lehrer verhöhnen. Tatsächlich treten die Kinder auf, denn sie verabschieden ihren sympathischen Lehrer (Edward G. Robinson), einen Mann kurz vor der Pensionierung. Dieser besteigt in Rio de Janeiro ein Flugzeug, um zu einem US-amerikanischen Freund (Adolfo Celi) zu fliegen, der mittlerweile ein großer Gangsterboss ist. Diese Eröffnung macht klar, dass wir es mit einem Riesenspaß zu tun haben. Überraschenderweise bittet der gesetzte Schulmeister seinen Freund um Adressen von kriminellen Spezialisten, die einen hochbewachten Tresor voller Diamanten gegenüber seiner Schule in Rio ausrauben sollen. Wir befinden uns also in einem Heist-Movie. Einem Epigonen von „Rififi“ oder “Topkapi“? Mag sein, aber eigentlich ist es egal. Denn von Beginn an ist das Timbre ein anderes und die „Caper-Story“ nicht mehr als ein notwendiger Baustein für das Spektakel. Edward G. Robinson als berühmten Gangster der ersten Stunde („Scarface“, 1933) und Adolfo Celi mit Dauerabonnement auf Gangsterboss („James Bond Feuerball“,1965); („Danger: Diabolik“,1967) werden wir erst am Ende des Films wiederbegegnen. Denn im Hauptteil des Films geht es um die vier „Spezialisten“ und eine seltsame Frau. Die vier Spezialisten nutzen den lauten Trubel des Samba-Karneval, um den Millionendiebstahl zu bewerkstelligen. Die Straßen sind voll feiernder Menschen, vor allem leicht bekleideter junger Frauen. Ennio Morricone hämmert uns lebensfrohe Rhythmen und eingängige Gesänge in die Ohren. Besonders der von Klaus Kinski gespielte Spezialist ist dem Radau zu dessen Leidwesen ausgesetzt. Er muss die kriminelle Gruppe zusammenhalten und ist für Grobheiten zuständig. Ihm stellen sich immer wieder Probleme, etwa durch plötzlich auftauchende Polizisten oder dadurch, dass ein Auto einen Kanaldeckel versperrt, der essenziell wichtig für den Coup ist. Nervosität und Schweiß lassen ihn als Fremdkörper im Partytrubel erscheinen. Schnell wird klar, dass wir es mit einer längst zerstörten Persönlichkeit zu tun haben, für die Brutalität zum Lebenselixier geworden ist. Ein Schönling wie Robert Hoffmann ist ihm prinzipiell verhasst. Signifikanterweise musste sich Hoffmann während der Dreharbeiten auch privat Kinskis körperliche Attacken gefallen lassen. Dass Kinskis Figur durch Beute Zufriedenheit und Glück je beschert werden könnte, ist offensichtlich unmöglich. So einer braucht mittlerweile die Gefahr der Gefahr wegen. Selbstverständlich wird diese kaputte Existenz ein desaströses Ende finden. Dem zweiten Spezialisten ordnet Morricone keine spezifische Musik zu, und das hat einen guten Grund. Der Argentinier Georges Rigaud, der in zahllosen Gialli distinguierte Persönlichkeiten verkörperte, ist ein englischer Butler und scheint zum Dienen geboren. So wie er seine Herrschaften in London bedient, dient er auch kühl und beflissen dem Verbrechen als Safe Experte. Der Film macht kein Geheimnis daraus, dass dieser Charakter weniger an der Beute interessiert ist als an der Bewältigung der Aufgabe. Seine Persönlichkeit wird durch an ihn gestellte Anforderungen zusammengehalten. Nur konsequent, dass er nach dem Coup als erster durch einen banalen Polizeischuss getötet wird. Selbst mit einer Kugel im Kopf bleibt der Butler auf dem Autositz noch aufrecht sitzen. Riccardo Cucciolla ist als dritter Spezialist für Technik zuständig. Wir erleben ihn als weichen und gutmütigen Italiener, der fern vom Glück unter familiärem und materiellem Druck steht. Um dem Zwang der Reparatur kleiner Elektrogeräte zu entkommen, lässt er sich auf das Verbrechen ein. Es scheint ihm der Strohhalm zu sein, um seine Lebenssituation zu verbessern. Wenn er in Rio auf einem Boot eine junge Brasilianerin aus der Ferne erblickt, meldet sich die Sehnsucht nach dem Glück. Mit der melancholischen Bossa Nova, die Morricone ihm nun zuordnet, wird die Bittersüße offenbar. Die junge Frau besitzt keine Kleidung außer einem Bikini und strahlt doch freie Lebensfreude aus. Der Technikspezialist wird ihr später ein Kleid schenken und das ist alles, was er tun kann. Wenn er schließlich aussichtslos von Polizisten verfolgt wird, ist der Hafen sein Ziel, um sie noch einmal zu sehen, bevor der chronische Verlierer sich abknallen lässt. Seine Tötung erfolgt natürlich weniger aus Handlungslogik als aus melodramatischen Gründen. Der vierte und letzte Spezialist fällt aus dem technischen Schema; sein Gebiet ist die Eroberung von Frauen. Robert Hoffmann spielt einen betont europäisch wirkenden Franzosen, der nicht nur attraktiv ist, sondern auch keine materiellen Probleme zu haben scheint. Wir sehen ihn zum ersten Mal hinter einem vergitterten Tor in Frankreich. Der Playboy scheint in seiner Welt gefangen zu sein. Parallel zu den spektakulären Heist-Aktionen seiner Kollegen muss er einer spröden Sekretärin den für den Einbruch notwendigen Schlüssel abluchsen. Dazu muss er sie zunächst umwerben und in ihre Nähe gelangen. Genau wie Klaus Kinski und doch auf eine ganz andere Art wirkt er mit perfektem hellen Anzug und Luxusauto wie ein Fremdkörper im Karnevalstreiben. Der üppige Rosenstrauch, den er bei sich hat, erscheint im Karneval um so mehr wie ein Relikt europäischer Etikette. Die verlogene Annäherung an die Frau versieht Morricone mit einer einnehmenden Musik, die ich ohne Übertreibung für eine der besten Eingebungen der Filmmusikgeschichte halte. Eine Melodie, zunächst nur auf einem Ton, dafür auf ungemein farbigen Harmonien, entfaltet ihre Schönheit erst nach acht Takten ohne einen Abschluss zu finden. Die Musik suggeriert tiefes romantisches Begehr. Später werden wir erfahren, dass die Frau nicht ihm, sondern er ihr zum Opfer gefallen ist. Vielleicht ist der Playboy der, der viel mehr Liebe sucht. Robert Hoffmann, dem auch im Privatleben eine kosmopolitische Jet-Set-Attitüde anhaftete, ist die ideale Besetzung für den glücklosen Playboy, der schnell ein grausames Ende finden wird. Da Montaldo alle Heist-Erwartungen des Publikums erfüllt, werden die vier Spezialisten durch den Diamantenraub bis an ihre äußersten Grenzen getrieben. Schweißgetrieben, nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Suche nach Unbeschwertheit oder Glück. Nach genau dem, was uns der ausgelassene Sambakarneval zeitgleich zum Verbrechen vorführt. Doch die vier verstehen das nicht, dazu sind sie bereits zu weit in ihrer Situation gefangen. Und so werden sie gnadenlos hart mit dem Tod bestraft. Für mehr oder weniger Empathie ist es zu spät. Aber da ist noch eine moralische Instanz. Denn schließlich gibt es noch eine Frau, die farblose und wenig attraktive Sekretärin, die den wichtigen Schlüssel hat. Im Gegensatz zu den unerfüllt getriebenen Männern scheint sie nichts zu wollen, als ihre Ruhe zu haben. Natürlich ist Janet Leigh, Hitchcocks berühmtes Dusch Mordopfer, weder farblos noch unattraktiv. Montaldo hat Gott sei Dank widerstanden, aus ihr eine klassische Femme Fatale zu machen. Gerade das macht sie rätselhafter in ihrer Sprunghaftigkeit, Nähe zuzulassen oder sich zu verweigern. Der Playboy hält sie für eine jener angeblich ‚schwierigen‘ Frauen. Tatsächlich erweist sich ihr Verhalten im Nachhinein als erstaunlich konsequent. Als Komplizin des Lehrers durchschaut sie die schäbigen Absichten und ihr Handeln erscheint im Nachhinein wie eine aus ihrer Sicht gerechtfertigte moralische Antwort. Doch das harte Schicksal des Playboys und ihre kriminelle Beteiligung lassen Moralempfindungen wanken. Am Ende des Films stellen sich alle Anstrengungen als Komödie heraus. Der amerikanische Gangsterboss (Adolfo Celi) bemerkt als erster, dass sein Mord an den ersten Spezialisten (Klaus Kinski) sinnlos war und er nur Teil einer Farce war. Wir hören wieder die übermütige Musik, die wir vom Beginn des Films kennen und sehen den Lehrer und die Sekretärin in einem italienischen Straßencafé. Die Tasche mit der Beute steht vor ihnen auf dem Tisch, doch sie gelangt mit den einfachen Mitteln eines motorisierten Straßenräubers in die Hände eines Jugendlichen, der für immer mit den Diamanten verschwindet. Morricones überschäumende wie naive Musik macht klar, dass es eigentlich auch nicht schlimm ist. Für den Lehrer war das Ganze in erster Linie eine Denksportaufgabe und die junge und doch sehr attraktive Sekretärin hat sowieso ihr ganzes Leben noch vor sich. Alles nur leichte Komödie, und doch melancholisch, weil wir so viel Schweiß und Unglück gesehen haben. Diese Gegensätze machen „Ad ogni costo“ zu einem Film mit außerordentlichem Timbre. Das bleibt in der Rezeption oft übersehen. So wie die Bossa Nova für Fahrstuhlmusik gehalten wird.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.