Mordnacht in Manhattan
100 Dollar für das organisierte Verbrechen – einen Whiskey für Jerry Cotton
Erpressung ist immer ein gutes Thema, um das Publikum gegen die Bösen zu emotionalisieren. Man ist sofort erfüllt von bodenloser Verachtung für das Vorgehen der Gangster. Und so finden wir uns schnell in Herbert Reineckers wohl konstruierte Story ein. Der unvergleichliche Dirk Dautzenberg muss als italienischer Gastronom das erste Mordopfer sein und gewinnt unser aufrichtiges Mitleid. Dass die Erpresser sich selbst fragen, wer eigentlich den Schuss abgegeben hat, schafft eine interessante Ausgangsposition. Einziger Zeuge ist ein Knabe im Schulalter, der natürlich bis zum Ende des Films der Bedrohung durch die Gangster ausgesetzt ist.
Ein Kind als potenzielles Ziel der Verbrechen und das Mitleid mit den Erpressungsopfern nimmt dem Film aber auch charmante Leichtigkeit. Vielmehr scheint der Documentary-Sprecher im Off angesichts der ernsten Lage gerechtfertigt. Mutete man dem Comicstrip-haften Groschenromanhelden Jerry Cotton nicht etwas zu viel Schwere zu? Drehbuchautor Reinecker sollte sich mit seinen signifikant deutschen Geschichten kurze Zeit später im deutschen Fernsehkrimi erheblich wohler fühlen. Und die benötigten grundsoliden Ermittler wie Kommissar Keller oder Oberinspektor Derrick. Aber so weit war es noch nicht, und jetzt mussten erst einmal Jerry Cotton und Phil Decker ran.
Doch auch sie agieren wie deutsche Kripobeamte, deren höchste sinnliche Lust es ist, sich überbordenderweise mal einen Whiskey an der Bar zu gönnen. Wäre der – sehr zurückhaltend zelebrierte – exotische Style des Goldfish-Clubs schon für jeden Durchschnitts-Filmagenten eine Selbstverständlichkeit, so staunen die FBI-Ermittler über das ungewöhnliche Ambiente. Schwarzweiß ist hier also völlig ausreichend. Nur wenn es Richtung Action geht, streifen sie das deutsche Beamtentum ab und regeln die Angelegenheiten auf eigene Faust, um zu zeigen, dass sie echte Männer sind. Schießereien und derlei gibt es genug. Sieht man den Film aus der Perspektive eines deutschen Fernsehzuschauers der Vergangenheit, der sich ausnahmsweise statt des Whiskeys etwas Action gönnen möchte, dann ist man hier richtig und gut bedient.
Die Erpresser-Schergen wurden von damals recht unbekannten Schauspielern dargestellt, die später allesamt zum hochkarätigen Stammpersonal deutscher Fernsehkrimis mutierten: Peter Kuiper, Willy Semmelrogge, Paul Muller und Sigurd Fitzek. Deren Anführer spielt der schnittige Jugoslawe Daniel Dimitri, der als Nebendarsteller in Karl-May-Filmen bereits aufgefallen war. Er lässt den Look des Personals etwas kosmopolitischer erscheinen. Die attraktive Französin Silvie Solar darf als zwielichtige Clubbesitzerin in diesem braven Film leider nicht ihren vollen Sexappeal ausspielen; in dem Jerry-Cotton-Farbfilm Dynamit in grüner Seide (1967) wird sie viel besser zur Geltung kommen. Schließlich erweist sich der Berliner Schauspieler Kurd Pieritz als Drahtzieher aller Boshaftigkeiten. Pieritz wirkt auf den ersten Blick wie ein durchschnittlicher Biedermann, kann aber schließlich einen eiskalten Verbrecher mit hoher Intensität darstellen. In der grandiosen Tatort-Folge „Rattennest“ (1972) hat er das noch einmal eindrucksvoll bewiesen.
Mordnacht in Manhattan kann zwei kurze Aufnahmen vom Broadway vorweisen – mager angesichts des Filmtitels. Mager ist vieles im Verhältnis zu anderen vergleichbaren Filmen, vor allem im Verhältnis zur Realität, denn gegenüber mafiösen Syndikaten in New York erscheinen unsere fünf Kriminellen im Laufe der Handlung immer mehr als putzige Figuren. Das organisierte Verbrechen verlangt nämlich bescheidene 100 Dollar von seinen Opfern. Immerhin: Wenn die Gangster schön sparsam sind, könnten sie sich davon irgendwann vielleicht sogar ein kleines Auto leisten. Es ist schon klar, dass die Chose auf ein heutiges Publikum als kurioses B-Machwerk wirken muss – was nicht nur am Low Budget liegt, sondern auch an der Diskrepanz zur Realität und am damals herrschenden Zeitgeist.
Also einmal mehr ein Film für Cineasten mit Faible für die 1960er Jahre. Mich hat er durchaus zufriedenstellend unterhalten, keine Frage. Obwohl ich mich beim nächsten Mal, wenn ich über die DVD stolpere, fragen werde, ob ich nicht lieber doch eine Kommissar-Folge oder einen Jerry-Cotton-Film von Harald Reinl in den Player schieben sollte.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.