Genauso wie im Vorgänger Der Frosch mit der Maske geht es in Der rote Kreis um viele einzelne Geschichten rund um einen Verbrecher mit spektakulärer Vergangenheit, der ganz London mit Erpressung und Mord in Atem hält: Charles Lightman ist sein Name. Der überaus fleißige Gesetzesbrecher begeht täglich sogar mehrere Verbrechen. Vor allem wenn man die Auflösung kennt, fragt man sich, wie der arme Mann es zeitlich schafft, seinem Handwerk nachzugehen. Für Mahlzeiten, Toilette und Schlaf kann kaum Zeit übrig bleiben. Immerhin erscheint er stets frisch geduscht im Bild. Aber was soll man sich wundern – so ist wohl das normale Leben eines Superverbrechers, der seinen Job einfach kann. Die Geschichten rund um einen solchen Verbrecher folgen einem ähnlichen Story-Prinzip wie in Der Frosch mit der Maske.
Doch Der rote Kreis wirkt ganz anders als sein Vorgänger, und das hat vor allem mit seinem Regisseur Jürgen Roland zu tun. Der erfahrene Regisseur Harald Reinl konnte mit leichter Hand und gutem Feeling einen unproblematischen Reißer hinlegen. Der junge, ambitionierte Roland hingegen holte zusätzlich seinen eng vertrauten Autor Wolfgang Menge mit ins Boot, und die beiden überlegten ganz genau und mit all ihrem Intellekt, wie man Edgar Wallace auf die Leinwand bringen müsse. Herausgekommen ist ein stimmungsvoller Krimi mit hervorragenden Ideen, der andererseits aber zwangsläufig auch etwas angestrengter als sein Vorgänger wirkt. So gut das fähige Duo auch zwei Wallace-Filme gestaltete: Lust hatte Jürgen Roland viel mehr auf realistische bis dokumentarische Krimis wie Stahlnetz, Polizeirevier Davidswache oder Vier Schlüssel. Somit sind seine zweieinhalb Wallace-Filme wohl eher als Etüden innerhalb seines filmischen Gesamtwerks zu sehen.
Auffällig ist vor allem die sehr spezielle Auswahl an Schauspielern, von denen einige zunächst recht unbekannt waren, später aber zu Rolands Stammschauspielern werden sollten.
Zuallererst ist die grandiose Renate Ewert als zwielichtige Femme fatale in der weiblichen Hauptrolle zu nennen. Sämtliche Dialogszenen mit ihr sind mutig und frech gestaltet. Ein solch ungewöhnlicher Frauentyp beschert den Zuschauern schon einmal viele Fragezeichen und verleiht dem Film einen frechen Charme.
Das Fehlen eines präsenten und zuverlässig guten Retters à la Joachim Fuchsberger steigert das Ungewisse der Story, macht die gesamte Atmosphäre aber auch etwas anstrengender. So müssen wir uns wohl mit Inspektor Karl Georg Saebisch begnügen, der seinen Job zwar sehr gut macht – aber wer will schon einen Rentenanwärter als Identifikationsfigur? Oder fühlen wir doch mit dem allglatten und fast zu weltmännischen Klausjürgen Wussow? Oder mit dem naiven Thomas Alder? So wirklich an der Seite stehen wir vorsichtshalber niemandem, wir sehen lieber zu. Und genau das entspricht dann ja auch Jürgen Rolands Lust an der Dokumentation. Als extremere Charaktere agieren Eddi Arent, Fritz Rasp und Ulrich Berger, die sich zu unverzichtbaren Ikonen der Serie mausern. Schließlich ist die Reihe noch taufrisch, und alles muss erst einmal seinen Weg finden – wobei es vor allem Ulrich Berger mal wieder gelingt, maximale Widerlichkeit abzubilden.
Auf jeden Fall wird uns Zuschauern genügend Stoff geboten, der fesselt, und viele Szenen sind zukunftsweisend gelungen. Die Bilder in den Lagerhallen mit Heinz Klevenow als Bankdirektor Brabazon bringen beispielsweise genau die unheimliche Stimmung, die man sich in einem Wallace-Film wünscht. Insgesamt muss man Jürgen Roland bescheinigen, dass seine Pionierleistung innerhalb der Wallace-Serie schon sehr viel besser ist als manches, was da noch kommen sollte.
Insofern ist Rolands Verdienst in erster Linie, als junger und engagierter Regisseur den Wallace-Filmen gute und wichtige Impulse gegeben zu haben, auch wenn sein Weg später in eine ganz andere Richtung führen sollte.
Der rote Kreis erinnert in vielerlei Hinsicht noch an die herrlich altmodischen Romanwelten des echten Edgar Wallace. Hartgesottene Fans neigen dazu, Zeichen, Waffen und Embleme mit dem Haupttäter zu identifizieren – doch ein Mensch ist „der rote Kreis“ nicht, sondern ein Zeichen. Und was für eines! Gar nicht beliebig, sondern von einer Bedeutung getragen, die zwischen erster und letzter Szene eine dramatische Wucht entfaltet: eine der genialsten Erfindungen des alten Wallace persönlich! Blutrot – doch wir sehen es auch sehr gern in Schwarzweiß.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.