Der Rächer - eine Reise in die verstaubte Welt des Autors

Mit Drache, Kinski und Schürenberg! – das muss doch ein mitreißender, bekannter Kult-Wallace voller Humor und Ideen von Alfred Vohrer sein!

Ist es aber nicht. Weder bekannt noch mitreißend – und schon gar nicht humorvoll. Nicht einmal ein Rialto-Film, sondern ein bescheidener Versuch von Filmproduzent Kurt Ulrich, auch einmal einen Wallace-Krimi anzubieten. Dass gerade dieser Film heute am ältesten wirkt, liegt möglicherweise an den vergleichsweise steinalten Herren, die dafür verantwortlich sind: Regisseur Karl Anton drehte mit Der Rächer seinen letzten Film, und auch Produzent Kurt Ulrich war fast am Ende seiner Produzentenkarriere angekommen. Besonders verstaubt wirkt aus heutiger Sicht die Idee, mit vorsintflutartigen Dreharbeiten eines Filmteams ein interessantes Milieu zu bieten. Und die erwähnten Kult-Schauspieler hatten offenbar ebenfalls noch nicht so richtig in das neue Genre Edgar Wallace gefunden – Heinz Drache vielleicht noch am ehesten. Aufgrund dieses Films stand ihnen zumindest noch nicht der Weg offen, Ikonen der Serie zu werden. Also alles Mist, einer der schwächeren Wallace-Filme.

Aber was schreibe ich da! Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, positiv zu schreiben, denn die Wallace-Filme haben schon genug unter arroganten Rezensionen leiden müssen. Außerdem habe ich auch keine Lust auf einen Shitstorm der fünf Prozent Fans, die aus persönlichsten Gründen ausgerechnet diesen Film unter ihren Top 5 sehen.

Also gut: Der positive Aspekt an diesem Film ist, dass die Macher bereits ein gemäßigt reifes Alter hatten und dadurch der Zeit, in der Edgar Wallaces Geschichten spielen, etwas näherstanden. Man kommt hier so nah wie selten wirklich in die Welt des Autors. Nichts ist durch Sechzigerjahre-Trash mit Ironie und Parodie verfälscht, der Film nimmt sich noch ernst. Sieht man einmal über die letztlich – sagen wir zurückhaltend – kolonialistisch geprägte Neigung Wallaces hinweg, Exoten als tumbe Schreckensgestalten zu präsentieren, so gibt es hier doch wirklich nachhaltig beeindruckende, düstere Szenen, die gerade deshalb ansprechen, weil alles so deutlich in eine vergangene, angestaubte Vorkriegszeit verweist.

Gerade das spannende und unheimliche letzte Viertel des Films macht wieder gut, was zuvor noch durchwachsen erschien, und präsentiert uns einen in seiner Art charismatischen Täter, der in der Serie seinesgleichen sucht. Weitere Pluspunkte sind die bislang noch nicht erwähnten Darsteller wie Orion-Grantler Benno Sterzenbach, der großartig besetzte Ludwig Linkmann in einem seiner letzten Filme, die zu rettende Schönheit Ina Duscha und die ewige Filmzicke Ingrid van Bergen.

Also alles in allem: ein super Film! Aber eben leider viel zu spät gedreht. Dass Der Rächer 1960 bei einem von Rock’n’Roll und Rebellion geprägten Publikum nicht so gut ankam wie die viel zeitgemäßeren Rialto-Produktionen, ist wohl kein Wunder. Dafür ist er dem Original deutlich näher und nimmt uns mit auf eine Reise in die altmodische Welt von Edgar Wallace. Und das macht durchaus Spaß!

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.