Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache (1971)
Von Vergangenheitsbewältigung zu Exploitation
Ja, ja, ich weiß: Der bedeutende Nachkriegsregisseur Wolfgang Staudte hat einige der großen Filme der deutschen Nachkriegszeit geschaffen, die die nationale Vergangenheit ungeschönter aufarbeiteten als nahezu alles Vergleichbare. Die Mörder sind unter uns (1946), Rotation (1948), Der Untertan (1951) oder Rosen für den Staatsanwalt (1959) sind die bekanntesten Beispiele. Gemeinsam mit Helmut Käutner, Kurt Hoffmann und Bernhard Wicki steht Staudte in der Filmwissenschaft für das Beste, was der deutsche Film nach 1945 hervorgebracht hat – und selbst das wurde oft nur als leidlich gut bewertet.
Schon Staudtes Beteiligung als Stammregisseur der Fernsehserie Der Kommissar galt manchen als Sündenfall. Doch für die „seriöse Filmkritik“ sollte es noch schlimmer kommen: Mit Fluchtweg St. Pauli… machte er scheinbar den Schritt vom Fegefeuer direkt in die heißeste Höllenglut. Die unübersichtliche Flut der Reeperbahn-Filme der späten 1960er-Jahre bestand größtenteils aus berstender Exploitation zwischen Sittenfilm, Kriminalfilm und Hintertreppen-Melodram – meilenweit entfernt von schwermütiger Vergangenheitsbewältigung.
Dass ein renommierter Mann wie Wolfgang Staudte sich auf dieses vermeintlich schlimmste Subgenre einlässt, kann man jedoch auch als Geschenk begreifen. Denn sein Film ist fast so etwas wie der krönende Abschluss der Reeperbahn-Filme – und auf jeden Fall unter den besten Vertretern dieses Genres einzuordnen. Selbst namhafte Regisseure wie Alfred Weidenmann hatten oft nicht viel mehr zustande gebracht als schwerfällige Episodenfilme, mit denen die alten Männer der traditionellen Filmbranche offenbar erst einmal ihre eigenen aufpeitschenden Sinneseindrücke verarbeiten mussten, die das St.-Pauli-Milieu zu bieten hatte.
Was Staudte besser macht, ist zunächst die Konzentration auf wenige zentrale Figuren. Die Handlung bleibt klar und übersichtlich: Zwei ungleiche Brüder, der eine anständig, der andere kriminell. Der Kriminelle flieht aus der Justizvollzugsanstalt, um sich mit der Beute eines Bankraubs ein schönes Leben zu machen. Doch leider ist das Geld verschwunden, und ihm bleibt nur sein Bruder, der ihm bei der Finanzierung der Flucht helfen könnte. Brisant wird die Situation dadurch, dass der „gute“ Bruder inzwischen mit der Ehefrau des „bösen“ liiert ist – ein klassischer Konflikt, der die Geschichte wirkungsvoll anheizt.
Darüber hinaus gelingt es Staudte, sich von einer typisch deutschen Krankheit zu lösen: dem Drang, überkomplexe Drehbücher theaterhaft auszuerzählen. Hier ist alles filmisch gedacht. Bereits der Gefängnisausbruch und die anschließende Flucht lassen vergessen, was im Detail im Drehbuch gestanden haben mag. Regie und Kamera beweisen vitale Frische, die das Geschehen dynamisch vorantreibt. Dazu liefert Peter Schirmann in inflationärer Fülle 70er-Jahre-Sounds mit kreischender Hammond-Orgel, verzerrten Gitarren und treibender Percussion. Man vergisst fast, dass es auch noch Peter Thomas gibt.
Die übersichtliche Geschichte mit hohem Aktionsanteil funktioniert jedoch vor allem deshalb so gut, weil Staudte mit Horst Frank und Heinz Reincke über ideale Hauptdarsteller verfügt. Frühere deutsche Filme hatten die charismatische Vitalität Horst Franks oft gedeckelt, die Italo-Western hingegen unterforderten sein schauspielerisches Hochtalent. Stellvertretend sei nur die Szene genannt, in der ihm klar wird, dass die Beute endgültig verloren ist: Eine Mimik-Nahaufnahme, die Bände spricht. Ich bin geneigt zu behaupten, dass dies der Horst-Frank-Film schlechthin ist – auch wenn mir sofort die grandiose Schlussszene aus der Sonderdezernat K 1-Folge „Ganoven-Rallye“ in den Sinn kommt.
Frank versteht es meisterhaft, Bösewichter menschlich nachvollziehbar darzustellen. Nichts bleibt bloßes Klischee; das Seelenleben seiner Figuren ist in jeder Geste spürbar. Sein Gegenpart Heinz Reincke als „guter Bruder“ ist ihm an Charisma ebenbürtig. Reincke wurde oft als Volksschauspieler bezeichnet, sein temperamentvolles Spiel wirkt stets unmittelbar und aus dem Bauch heraus. Manche mögen empfinden, dass er hier gelegentlich zu sehr auf die Pauke haut – besonders in der Darstellung der beinahe dämlichen Gutmütigkeit seiner Figur. Doch ich bin in den 1970er-Jahren in Norddeutschland auf dem Lande aufgewachsen und kann sagen: Gestik, Mimik, Habitus und vor allem Sprache dieser Figuren sind frappierend authentisch. Flashback! Genau so war es, genau so redete man.
Christiane Krüger als Frau zwischen den Brüdern überzeugt als kühle, selbstverständliche Hamburgerin ebenso wie Klaus Schwarzkopf als polizeilicher Ermittler, der hier bereits all das vorwegnimmt, was ihn später als Tatort-Kommissar Finke auszeichnen sollte. Sigurd Fitzek als naives Faktotum von Horst Frank ist ebenfalls eine Idealbesetzung.
Natürlich ist das alles Exploitation. Doch sie wirkt glaubhaft, weil klar ist: Die handelnden Personen sind keine Geistesgrößen, sondern einfache Menschen voller Leben. Das „Gute“, das Heinz Reincke verkörpert, ist keine brave Spießbürgerlichkeit, sondern der verzweifelte Versuch eines überforderten Verlierers, in einer maroden Realität ein Mindestmaß an Anstand zu bewahren – selbst wenn es töricht erscheint. Auch die Randepisode aus dem dekadenten Elbchaussee-Milieu, inklusive der betrunkenen Ehefrau, die sich im Taxi entkleidet, ist weit weniger dümmlich als vergleichbare Szenen in anderen Reeperbahn-Filmen.
Zum Exploitation-Genre gehören neben Sex und Gewalt natürlich auch Actionsequenzen in Sand- oder Kiesgruben – günstige Drehorte, die fast schon ein Markenzeichen darstellen. Schon in Jerry-Cotton-Filmen lagen Kiesgruben erstaunlich nahe bei Manhattan, Helmut Berger fühlte sich dort in Der Tollwütige (1977) ebenso zuhause wie später Quentin Tarantino, der mit einem Gangster-Giganten wie Horst Frank zweifellos Großes hätte anfangen können.
Natürlich kann man heute Einwände formulieren: Frauen sind sexy, Männer brutal – muss man solche Klischees nicht anprangern? Doch so war und ist die Realität auf der Hamburger Reeperbahn, in den frühen 1970er-Jahren noch mehr als heute. Und Staudte zeigt mit seinen Darstellern weit mehr als bloße stereotype Plattheiten.
Mit diesem kleinen Exploitation-Reißer, der technisch und budgetär niemals mit amerikanischen Produktionen konkurrieren konnte, seine Geschichte jedoch klug und präzise erzählt, beweist Wolfgang Staudte, wozu er jenseits seiner großen Bewältigungsfilme fähig war. Und dass er tatsächlich ein großer Regisseur ist. Wer immer noch meckern will, dem sei gesagt: Sieh hin – so waren die frühen Siebziger.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.