Artur Brauner gibt zu viel Geld aus
Nachdem der Constantin-Verleih wegen der schlechten Einspielergebnisse des Serienvorgängers „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1962) auf weitere Mabuse-Filme verzichten wollte, musste sich Produzent Artur Brauner etwas einfallen lassen. War der letzte Film als Remake des großen Fritz-Lang-Klassikers noch eine Rückbesinnung auf die Ursprünge des Mabuse-Mythos gewesen – wenn auch erfolglos –, wollte Brauner nun kräftig auf die Pauke hauen: weg aus dem popeligen Westdeutschland, hinein nach London; dem Film zusätzlich den Markennamen Wallace überstülpen; bei Regie und Darstellern klotzen; dazu Science-Fiction-Fotoapparate präsentieren, mit denen Menschen fremdbestimmt werden können.
Letztlich sind das naive Ideen, die nach der einfachen Formel „Mehr Pulp = mehr Geld“ funktionieren sollen. Entstanden ist folgerichtig ein naiver Film, der sich an ein ebenso naives Publikum richtet. Das greisenhafte Psycho-Genie Mabuse ist hier zu einem Superverbrecher mutiert, dessen kriminelle Methoden ebenso gut von Dr. Fu Manchu oder beliebigen Drahtziehern aus den Euro-Agentenfilmen genutzt werden könnten. Solchen Pulp kann man sich nur schwer vor der eigenen Haustür vorstellen – also verlegt man die Handlung lieber ins Ausland. London als klassischer Wallace-Schauplatz liegt nahe, noch exotischer wäre vermutlich noch besser gewesen.
Die infantile Vorlage von Bryan Edgar Wallace liefert dabei kaum mehr als den erfolgsträchtigen Namen; jeder deutsche Drehbuchautor hätte problemlos eine bessere Geschichte erfinden können. Das hatte Brauner durchaus verstanden. Was er allerdings nicht begriff – im Gegensatz zu den späteren Euro-Trash-Produzenten –, war die Tatsache, dass man für diesen ganzen Pulp-Schnickschnack kein hochkarätiges Ensemble benötigt.
Regisseur Paul May hatte bereits vor dem Krieg inszeniert und in der Nachkriegszeit mit der Militärklamotte „08/15“ (1954) sowie dem epischen Skandinavien-Melodram „Und ewig singen die Wälder“ (1959) sensationell erfolgreiche und sauber gemachte Blockbuster vorgelegt. Damals schien ein A-Film-Regisseur wie May eine Steigerung gegenüber B-Film-Regisseuren wie Reinl oder Vohrer zu sein – ein Irrtum, der im europäischen Film nach 1965 kaum noch eine Rolle spielte. Ebenso hemmend wirkte das Darstellerensemble, das alle Ansätze in Richtung konsequenten Pulp-Trash ausbremste, der vielleicht das Beste gewesen wäre, was ein deutscher Kriminalfilm der frühen 1960er Jahre hätte leisten können.
Peter van Eyck wurde zu dieser Zeit noch in einer höheren Liga als Fuchsberger und Co. gesehen. Ein so charismatischer Schauspieler hätte mühelos die Inkarnation des Bösen geben können; sein Format reichte durchaus für einen James-Bond-Gegenspieler ersten Ranges. Stattdessen muss der reife Kosmopolit die vergleichsweise langweilige Rolle des Charming Hero übernehmen. Wenn es sein muss, erledigt van Eyck auch das mit routinierter Bravour. Immerhin stellt Drehbuchautor Ladislas Fodor ihm mit der hinreißenden Agnes Windeck eine krimibegeisterte Mutter zur Seite, sodass aus diesem Figurenkontrast tatsächlich ein Charme entsteht, den man in vielen altmodischen deutschen Kriminalfilmen vermisst.
Eine weitere bemerkenswerte Idee ist es, Werner Peters und Klaus Kinski entgegen ihrem üblichen Rollenklischee als Ermittler zu besetzen. Besonders Werner Peters übertrifft hier die Erwartungen, während Kinskis Polizeibeamter sich von Mabuse willenlos manipulieren lässt und so doch wieder zum Faktotum des Bösen wird. Mabuse selbst existiert längst nicht mehr, sondern nur noch als Geist im Kopf von Professor Pohland. Walter Rilla liefert als Pohland genau das Bild, das man von einem wahnsinnigen Psychiater mit übelsten Absichten erwartet.
Die zahlreichen weiteren Darsteller sind allesamt erstklassige Chargen, die ihre Aufgaben erwartungsgemäß erfüllen: Wolfgang Lukschy, Sabine Bethmann, Hans Nielsen, Albrecht Schoenhals, Ady Berber, Albert Bessler und Dieter Borsche. Letzterer weckt besonders hohe Erwartungen, wenn man ihn aus anderen Kriminalfilmen der Zeit kennt, und es mutet fast dekadent an, ihn mit einer nur durchschnittlich interessanten Rolle zu besetzen.
Für ein Publikum, das kultige Mabuse-Düsternis mit echtem Angstpotenzial im psychiatrischen Milieu erwartet, ist „Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“ inhaltlich zu platt und oberflächlich. Die albernen Science-Fiction-Anleihen wirken hier eher enttäuschend. Für Zuschauer hingegen, die Lust auf Pulp und Trash haben, sind diese Science-Fiction-Elemente wiederum zu harmlos und naiv – zumal international zu dieser Zeit ganz anders aufgefahren wurde. In diesem Fall hätte Brauner sich den Luxus eines „schweren“ Ensembles aus dem deutschen Theaterhochadel sparen und das Geld besser in technisches Spektakel investieren können.
Natürlich gibt es auch schöne Szenen und durchaus einige gute Ideen. Die Eröffnungssequenz mit Walter Rilla, der allein in einem leeren Raum am Tisch sitzt, begleitet von Rolf A. Wilhelms wie immer gelungenem Soundtrack, besitzt beispielsweise einen ikonischen Look.
Einen neuen Weg für die Mabuse-Reihe markiert der vorliegende Film allerdings noch nicht. Für den nächsten Beitrag musste man sich erneut den Kopf zerbrechen, während die Wallace-Serie weiterhin scheinbar mühelos sprudelte. Immerhin hatte Artur Brauner mit Gloria einen neuen Verleih gefunden und zunächst ein gutes Geschäft gemacht.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.