Trostlose Utopien und desillusionierte Kriminalität
Es ist ein erbärmliches Milieu, in dem die Figuren ihr trauriges Leben fristen. Entweder man ist ein an der Wirklichkeit scheiternder Träumer, ein Verlierer mit lächerlichen Utopien, oder aber ein desillusionierter Realist, der sich damit abgefunden hat, als Teil krimineller Strukturen zu funktionieren. Der kleine Bruder ist ein unerwachsener Träumer, der als einziger Zeuge dem großen Bruder bei einem Mord zusieht. Das ist das moralische Dilemma, das den kleinen Bruder in Lebensgefahr bringen wird. Die Geschichte wird zu einer klassischen Tragödie, wenn der große Bruder am Ende die für seinen kleinen Bruder bestimmte tödliche Kugel abfangen wird. Der kleine Bruder, Pecko genannt, ist durch einen schmerzhaften Prozess erwachsen geworden. Soweit das stabile Handlungsgerüst, das in seiner einfachen Klarheit einen idealen Boden für die spezifischen Gestaltungsfantasien des Ausnahme-Regisseurs Zbyněk Brynich bildet. Pecko, ideal von Pierre Franckh dargestellt, wird als ebenso bemitleidenswert wie ätzend charakterisiert. Am Leben erhält ihn seine Utopie, Weltmeister in einer lächerlichen Sportart zu werden: Radball! Welch aberwitzige Idee! Peckos stoisches Beharren darauf lässt ihn zu einem ätzenden Verweigerer der Realität werden. Sein vorprogrammiertes Scheitern macht ihn von Beginn an zum bemitleidenswerten Verlierer. Auf seiner Seite stehen auch die jungen Mädchen einer Balletttänzergruppe. Sie glauben ebenso naiv wie unerschütterlich an ihre Zukunft, die natürlich nicht kommen wird, denn sie sind in den Händen eines bizarr-sadistischen Tanzlehrers, der ganz andere Ziele verfolgt. Beethovens schöne Musik „Für Elise“ vor den grauen Mauern der traurigen Welt, in der Pecko sein Leben fristet, machen den Kontrast zwischen Utopie und Träumen bitterlich spürbar. Pecko und die Mädchen haben Kontakt, doch eine echte Kommunikation kann nicht stattfinden, da niemand die Träume des anderen begreifen kann. Holger, der bereits vom Leben abgehärtete Bruder, wird von Karl Walter Diess dargestellt. Dass Diess zu alt für die Rolle ist – geschenkt. Sein fein nuanciertes Schauspiel allein würde diese Folge unvergesslich machen. Während Pecko ihm erzählt, was er als Zeuge ausgesagt hat, schält und isst Holger einen Apfel, im Seitenprofil gefilmt. Das „Apfel essen“ ist ein typisches Stilmittel von Karl Walter Diess. Wir sehen das bereits in dem Reinecker-Dreiteiler „11 Uhr 20“. Es symbolisiert zynisch die Alltäglichkeit skrupelloser Abgestumpftheit. Auch Hausmeister Baume (Stefan Behrens) ist hoffnungslos zur Marionette krimineller Interessen geworden. Ungepflegt, lange Haare, immer verschwitzt im Unterhemd, ist sein sozialer Status schon so festgefahren, dass dieser nicht mehr versteckt werden muss. Auch wenn er es nicht gerne tut, so zögert er nicht, auf Geheiß Pecko zu verprügeln. Die Musik des Radios wird lauter gedreht und wir hören Michael Holms „Kleine-Leute-Schmonzette“ „Tränen lügen nicht“, wenn Pecko blutig geschlagen wird und dabei nicht einmal begreifen kann, warum das geschieht. Dass der kriminelle Drahtzieher ausgerechnet von Harald Juhnke gespielt wird, setzt dem Unterschichtsdrama die Krone auf. Seine ausgesprochene Maskulinität bei gleichzeitigem Komödianten-Image betont die willkürliche Niedertracht des Verbrechens. Brynich lässt „Pecko“ in sommerlicher Hitze vor grauem Beton ablaufen. Die Figuren müssen schwitzen, um das Leben auszuhalten. Scheinbar sinnlose (Detail)-Bilder von Mauern und trostlosen Gebäuden blitzen in schnellen Schnitten mit hoher Geschwindigkeit auf, als wolle Brynich mitteilen, dass es sich nicht lohnt, Tristesse zu zeigen. Hier gibt es nichts zu sehen. Doch, hier gibt es sehr wohl etwas zu sehen: eine der herausstechendsten Derrick-Folgen, die weit mehr ist, als Krimiserienkost. Für einen unvorbereiteten Serienkonsumenten in ihrer grandiosen Trostlosigkeit allerdings schwer zu ertragen.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.