Das Geheimnis der schwarzen Witwe (1963)

„Das Geheimnis der schwarzen Witwe“ ist vor allem von zwei Faktoren geprägt: der deutsch-spanischen Co-Produktion einerseits und dem Hauptdarsteller O. W. Fischer andererseits.

Der Look des Films unterscheidet sich deutlich von dem deutscher Krimis jener Zeit, denn es wurde ausschließlich im günstigeren Spanien und überwiegend im Freien gedreht. Dadurch war es auch einfacher, etwa eine Autoverfolgungsjagd zu realisieren. Immerhin fällt hier weniger auf, dass wir uns eigentlich in London befinden sollen, als es später in den Giallos der Fall ist, wo hemmungslos mediterrane Bilder präsentiert wurden. Abgesehen von den sechs deutschsprachigen Schauspielern sehen wir eine Vielzahl unbekannter Gesichter, die insgesamt zwar weniger englisch wirken, ihre Sache aber dennoch ordentlich machen.

O. W. Fischer, seinerzeit der teuerste deutschsprachige Hauptdarsteller, war bekannt für große, tiefgründige Rollen. Als bayerischer König Ludwig II. in der Inszenierung von Helmut Käutner ist er mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben: Das komplizierte Seelenleben der Titelfigur wurde dort in aller Breite glänzend dargestellt – und auch hier war Klaus Kinski bereits sein kongenialer Partner. Als sich dieser große Charakterdarsteller dazu herabließ, das triviale Krimigenre zu „ehren“, musste der ursprünglich vorgesehene Heinz Drache Platz machen.

Es versteht sich von selbst, dass Fischer eine besondere Typisierung seines Helden anstrebte. Weg mit der braven deutschen Spießbürgerlichkeit! Amerikanische Vorbilder hatten gezeigt, dass gebrochene Helden ungemeinen Charme versprühen können. Also trinkt Fischer ständig Whisky, lallt vor sich hin und nimmt sich allen Raum, um den Mitspielern – und uns – seine Selbstironie um die Ohren zu hauen. Die arme Karin Dor wird davon fast erdrückt, Eddi Arent hält nur mit Mühe dagegen, und selbst Klaus Kinski wirkt etwas blass, da diesmal nicht er den Psychopathen geben darf. Fischer macht schlicht zu viel des Guten – und das leider mit deutlich hörbarem Wiener Akzent. Dass der Burgtheater-Star gleich zu Beginn auch noch die Operette „Die lustige Witwe“ thematisieren muss, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Der Unterschied zu amerikanischen Natur-Charmeuren wie Cary Grant, Rock Hudson oder Dean Martin liegt darin, dass man deren privaten Narzissmus nie spürte. Zudem sind körperliche Auseinandersetzungen nun wirklich nicht O. W. Fischers Fachgebiet.

Immerhin sieht man Karin Dor hier endlich einmal mit der Waffe in der Hand als zwielichtige Schönheit – was zumindest einige ikonographisch reizvolle Einstellungen hergibt. Ist sie etwa „die Schwarze Witwe“? Ich spoilere nicht, wenn ich verrate: Sie ist es nicht. Dazu hat Regisseur Gottlieb die Figur viel zu harmlos angelegt. Wir wissen ohnehin sofort, dass sie für O. W. Fischer bestimmt ist.

Achtung, jetzt spoilere ich wirklich: Doris Kirchner hat den besten Part des Films als eiskalte Mörderin. Besonders ihre Antwort auf die Frage ihres Gatten (Werner Peters), warum sie gemordet habe, ist mir im Gedächtnis geblieben: „Ich mag Geld.“ Sie spielt das mit einer erfrischenden Coolness, die 1963 ausgesprochen ungewöhnlich war – und sie bekommt erfreulicherweise auch den nötigen Raum für ihre Darstellung.

Insgesamt wirkt der Film etwas uneinheitlich. Dieser Eindruck wird vor allem durch die Musik verstärkt. Martin Böttcher ist lediglich für die Cocktailparty-Musik zu Beginn sowie für das Chanson von der „Schwarzen Witwe“ verantwortlich, das die Sängerin Belina in einem Nachtclub O. W. Fischer und Karin Dor vorträgt. Die übrige, stilistisch völlig andere Filmmusik stammt laut Credits vom Spanier Antonio Pérez Olea – was ich allerdings bezweifle, da mir einige Musikstücke von anderswoher bekannt erscheinen. Es ist jedenfalls verdächtig, wenn permanent neue Musik erklingt, die trotz ihrer Kürze und reinen Funktion opulent orchestriert ist.

„Das Geheimnis der schwarzen Witwe“ ist damit ein weiterer Krimi aus dem Jahr 1963: kein Highlight, aber ein singulärer Film mit besonderen Momenten, die man anderswo nicht findet. Begeisterte O.-W.-Fischer-Bewunderer erleben hier allerdings eine private Fan-Sternstunde. Alle anderen sehen sich vielleicht doch lieber noch einmal „Ludwig II.“ an.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.