Der Kommissar - Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S.

Mit viel Fantasie gegen die Psychologie 

Während Professor Steger, ein renommierter Psychiater mit seiner Frau im Theater verweilt, wird in seine Wohnung eingebrochen. Der Einbrecher stiehlt aber gar nichts, er „arbeitet“ am Schreibtisch des Professors in dessen Hauskleidung. Und lässt nebenbei einen Plattenspieler laufen. Die Haushälterin im Nebenzimmer wird durch Geräusche wach, will nachsehen und wird erschlagen. Als die Stegers nachhause kommen, sehen sie ihre Wohnung hell erleuchtet. Musik läuft. Was passiert da? Steger wird nervös. Der Täter ist verschwunden. Eine bizarre Ausgangssituation. Welcher Autor kommt auf eine solch sonderbare Idee? Und warum? Einer, der dieses Konstrukt braucht, um eine Geschichte zu bauen, mit der er der „Psychologie“ eine Abreibung verpassen kann. Herbert Reinecker hat schon in den 1960er Jahren für diverse Kino-Genres Drehbücher geschrieben, in denen ein flankierender Psychologe die Polizeiermittlungen begleitet. Mal als klamaukigen Sidekick, mal etwas ernster, doch immer als Experte auf dem Holzweg. Einige dieser Drehbücher wurden gar nicht realisiert, aus anderen wie zum Beispiel „Der Mönch mit der Peitsche“ (1967) strich man den überflüssig erscheinenden Psychologen heraus. Selbst für sein erstes Jerry Cotton-Drehbuch „Der Tod im roten Jaguar“ (1968) bemühte Reinecker, völlig Genre fern, die Figur eines verbrecherischen Psychiaters. Auch in Kommissar-Folgen machen Psychologen keinen guten Eindruck. In „Ein Amoklauf“ taucht ein Psychologe auf, der als quacksalbernder Experte genau die falschen Dinge prophezeit und in „Traum eines Wahnsinnigen“ erliegt der schwache Seelenarzt gar den Manipulationen seines Patienten. Die nebulösen Welten des Unbewussten sind Herbert Reinecker suspekt. Man könnte Reineckers Entwicklung nach 1945 auch als einen mühsamen Lernprozess lesen: nur kalter Realismus kann ein sicherer Hafen sein. Das Zulassen von Traumgespinsten jeglicher Art bedeutete Gefahr. Die Visionen der jüngeren Generation sind zwar Irrwege, doch Reinecker bemüht sich immerhin um Empathie. Doch für Seelenexperten der Generation von Professor Steger gibt es gar kein Verständnis. Wenn Reinecker sie nicht lächerlich macht, schickt er sie in die Tragödie, ausgelöst durch deren katastrophale Fehleinschätzungen. In „Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S.“ verdichtet Reinecker den Generationenkonflikt zu einem Vater-Sohn-Konflikt. Stegers Sohn Alfred, gerade erst erwachsen geworden, ist ein Träumer, der von einer obskuren psychischen Erkrankung betroffen ist. Sein Zustand ist lethargisch. Die Welt erscheint ihm als surrealer Ort. Seine Aussagen verwirren Kommissar Keller. Ist er der Mörder, der anscheinend nichts anderes wollte, als sich in der Wohnung von Professor Steger in dessen Persönlichkeit zu flüchten, um dem eigenen Ich zu entkommen? Vater Steger glaubt das, der Sohn ahnt die Gedanken des Vaters und provoziert ihn. Unterschwelliger Sadismus offenbart sich. Der Sohn hat Oberwasser, der Vater Schweiß auf der Stirn. Der eigene Sohn ein geistesgestörter Mörder! Ein ähnlicher Vorgang wie in der Eingangsszene wiederholt sich in der Wohnung des Kunstmalers Erdmann (Günther Ungehauer). Steger verdächtigt weiter seinen Sohn und versucht ihn vor polizeilichen Ermittlungen zu schützen. Er selbst macht sich zum Mittäter, indem er Beweise kaschiert und Fingerabdrücke mit einem Lappen entfernt. Doch am Ende stellt sich sein Verdacht als peinlicher Irrtum dar: Nicht sein Sohn, sondern seine Sekretärin (Margarethe von Trotta) ist die Mörderin. Sie leidet unter derselben obskuren Krankheit. Nur Väter können der Illusion erliegen, ihre Söhne würden sich ihre Persönlichkeit wünschen. Mit Hans Caninenberg als Professor Steger und Mathieu Carriere als dessen Sohn kann die Folge mit Idealdarstellern glänzen. Caninenberg ist Experte für konservative Herren in Schwierigkeiten und kann alle Register seiner Schauspielkunst präsentieren. Bei Mathieu Carriere geht das sogar noch weiter: es bleibt schwer vorstellbar, dass seine Performance „nur“ Schauspiel wäre. Wolfgang Becker ist zudem der perfekte Regisseur innerhalb der Helmut-Ringelmann Produktion. Unwichtige Detailaufnahmen von nichtssagenden Deckenleuchten, Wänden und Zimmerecken werden in der Bildgestaltung zu surrealen Eindrücken. Dazu hören wir immer wieder das Lied „I'd Love You to Want Me“ des amerikanischen Sängers Lobo, das wir bereits aus der Eingangsszene kennen. Das Lied kündet von Gefühlen, die aber nicht zugeordnet werden können. Die Musik ist schön, aber in ihrer Schönheit unerklärlich. Die kranken Empfindungswelten des Protagonisten bleiben uns fremd. „Welch ein Tobak!“, so könnte man denken. Eine gewaltsam konstruierte Auflösung, eine für die Geschichte erfundene Krankheit, die Unwahrscheinlichkeit, dass ein Vater zugleich Therapeut seines Sohnes ist und die Sekretärin ebenfalls unter der seltenen Krankheit leidet. Keine Frage, natürlich ist das alles Unsinn, doch Herbert Reinecker geht es mitnichten um die Analyse einer real existierenden Erkrankung. Das, was wir sehen, ist passgenau konstruiert. Genauso will er es haben: kein Naturalismus, sondern eher stilisierter Symbolismus. Reineckers Generationendrama, seine Skepsis gegenüber Fantasiewelten und seine Abneigung gegen die „Schwafeleien“ der Psychologie kulminieren in einer sehr unterhaltsamen Kommissar-Folge. Wenn man etwas kritisieren könnte, so ist das nicht die unwahrscheinliche Konstruktion, sondern dass Reinecker selbst solche Fantasiewelten – vor denen er doch warnt – in Anspruch nimmt, um sich Luft zu machen. Seien wir großzügig: Nachdem uns Reinecker über viele Folgen hinweg gut unterhalten hat, gönnen wir ihm doch einmal diese persönliche Befriedigung. Wer „Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S.“ ohne den gedanklichen Hintergrund Herbert Reineckers anschaut, kann die Ungereimtheiten aufgrund der hervorragenden Gestaltung leicht übersehen.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.