Die Kette (1977)

Produktion: SWR 
Regie: Rolf von Sydow 
Buch: Francis Durbridge (Original), Marianne de Barde (deutsche Übersetzung) 
Musik: Dieter Reith 
Mit: Harald Leipnitz, Uschi Glas, Herbert Fleischmann, Walter Kohut, Wolfgang Kieling, Rosemarie Fendel, Margor Hielscher, Karl-Heinz Vosgerau, Beatrice Richter, Michael Hinz, Klaus Wildbolz, Wolfgang Lukschy, Gunnar Möller, Jan Niklas, Emily Bolton, Nino Korda 

Nehmen wir diesen Zweiteiler in die Reihe der Durbridge-Mehrteiler großzügig auf, denn eigentlich steht er abseits: nicht mehr vom WDR, sondern vom SWR produziert und das mit zeitlichem Abstand. Sechs Jahre ist es her, dass die zunächst als Sechs-, später als Dreiteiler produzierten Durbridge-Adaptionen mit ‚Das Messer‘ einen Abschluss gefunden hatten. Die Erinnerung an die großen Erfolge in den 1960er Jahren verlockte, es noch einmal zu versuchen. Auch wenn seine Haltung zu Durbridge kritisch war, Lust auf die Arbeit hatte Regisseur Rolf von Sydow ganz offensichtlich. Das Publikum fragte sich sowieso, warum man mit Durbridge nicht weitergemacht hatte. Der Titel „Die Kette“ war schon signifikant für Durbridge. Alltägliche Gegenstände wie „Die Schuhe“, „Die Schlüssel“, „Die Brille“ oder „Der Siegelring“ erhielten als Romantitel in Durbridges Welt enigmatische Bedeutung. Auch die Auswahl der Darsteller brachte vertrautes Krimi-Flair. Einige Namen wie Harald Leipnitz, Uschi Glas, Herbert Fleischmann, Walter Kohut oder Rosemarie Fendel wecken Assoziationen zu den Filmen des Regisseurs Alfred Vohrer oder des ZDF-Produzenten Helmut Ringelmann. Auch die Verpackung war ansprechend: Atze Glanert macht gut durchdachte Kameraarbeit mit starken Kontrasten, entsättigten Momenten und dann doch wieder starken Farben. Ich erinnere mich noch gut an den signalhaft leuchtenden roten Anorak, den Uschi Glas in den Schlussszenen trug. Und die Musik war überraschend wirkungsvoll. Synthesizerflächen, die an „I'm Not in Love“ von 10CC erinnerten, gaben vielen Szenen einen bedeutungsvollen Zauber. Als Titelmusik präsentierte Jazz-Pianist und Fernseh Bigband-Leiter Dieter Reith einen satten Funksound mit repetitiven Synthesizern und Big Band Bläsern. Obendrauf singt ein Chor „Die Kette, die Kette…“ und eine tiefe Vocoder-Stimme murmelt diffuse Dinge. Das ist fast ein bisschen arg zeitgeistig, aber letztlich doch charmant. Natürlich sind die Akteure wieder stereotype Spielfiguren. Doch in „Die Kette“ fällt das weniger auf als bei manchem Vorgänger, denn die Charaktere sind schärfer gezeichnet. Besonders auffällig: Rosemarie Fendel als Haushälterin in hysterischer Angst, Walter Kohut als schmieriger Kriminalbeamter und besonders Wolfgang Kieling als bizarrer Tierhändler. Mit Uschi Glas konnte man dem Fernsehpublikum eine beliebte Hauptdarstellerin präsentieren und mit Harald Leipnitz einen erfahrenen Krimi-Hauptdarsteller – zwölf Jahre nach seinem ersten Durbridge „Die Schlüssel“. Zugegeben, mit 51 Jahren war er zu alt für die Rolle des Sohnes und erst recht für Tändeleien mit der 18 Jahre jüngeren Uschi Glas. Doch da „Die Kette“ vor allem Durbridge erfahrene Zuschauer ansprechen dürfte, konnte man aufgrund des Nostalgie-Faktors gern ein Auge zudrücken. Die Story ist typisch für Durbridge und bietet all die Rätselhaftigkeit, die man von dieser Marke erwartet. Doch 1977 wirken die Überraschungen und Verblüffungen nicht mehr so intensiv wie noch fünfzehn Jahre vorher in „Das Halstuch“. In der Frühzeit des Fernsehens betonte die theaternahe Umsetzung gerade durch ihre Einfachheit die Effekte des Autors. Außerdem waren die Zuschauer inzwischen reichlich mit Krimis jeder Couleur bedient. Nicht nur deutsche Produktionen, auch amerikanische und englische Krimis prägten mittlerweile die Sehgewohnheiten. Mit „Starsky und Hutch“ sollte kurze Zeit später gar eine Actionkrimiserie ins Fernsehen kommen. Was konnte dazwischen noch sensationell erscheinen? Selbst ein Zweiteiler statt wie bisher ein Dreiteiler erschien schon ein Wagnis zu sein. Und trotzdem: mit einer Einschaltquote von 70 Prozent geriet „Die Kette“ immer noch zu einem großen Publikumserfolg. Allerdings weit weg von einer Fernsehsensation wie in alten Tagen. Die Fernsehproduzenten der Zukunft taten gut daran, Durbridge in den 1980er Jahren die Form eines boulevardtheaterhaften Fernsehspiels zu geben, das an einem Abend konsumiert werden konnte. Die Zeit der Mehrteiler war endgültig vorbei – zumindest für die Durbridge-Krimis.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.