Das Messer (1971)

Produktion: Westdeutscher Rundfunk Köln
Regie: Rolf von Sydow
Buch: Francis Durbridge (Original), Marianne de Barde (deutsche Übersetzung)
Musik: The Can
Mit: Hardy Krüger, Eva Renzi, Sonja Ziemann, Charles Regnier, Alexander Kerst, Rene Deltgen, Peter Mosbacher, Karin Hübner, Klaus Löwitsch, Hans-Jürgen Diesdrich, Kurt Beck, Heinz Schubert, Klaus Barner, Herbert Fux, Wilhelm Semmelroth u.a.

Ungewöhnliche Perspektiven, Schwenks, matte Farben – eine Leiche wird im Grünen gefunden. Dazu ein cooler Beat, psychedelische Sounds, indirekte Stimmen – ja, es wird stylish! Eine der Zeit entsprechende Ästhetik kommt ins Spiel. Dieses Gewand lässt bereits zu Beginn der ersten Folge die Erwartungen auf einen großen Kriminalfilm aufflammen. Dieter Naujecks Kamera und die Musik von „The Can“ wirken progressiv, die Musik sogar fast avantgardistisch. Dann Straßenbetrieb in London, Männer in Anzügen. Konservative Lebensrealität trifft auf Farbe und Sound einer neuen Zeit. Diese Spannung kennen wir auch aus der ZDF-Serie „Der Kommissar“. Kein Zweifel, wir befinden uns am Anfang der 1970er Jahre. Die charakteristischen Signaturen derartiger Filmgestaltung haben nun auch Durbridge erreicht. In der britisch-deutschen Serie „Paul Temple“ mit Francis Matthews waren sie übrigens schon partiell da. „Das Messer“ wird da deutlicher.

Eigentlich handelt es sich um eine „Tim Frazer“-Story („Tim Frazer weiß Bescheid“) mit anderen Figurennamen als im Original. Und das bedeutet, dass wir es wieder mit einer klassischen Figurenkonstellation zu tun haben. Nachdem uns in „Ein Mann namens Harry Brent“ (1968) und „Wie ein Blitz“ (1970) ein Verdächtiger und ein Mörder als Hauptprotagonist präsentiert wurde, ermittelt wieder ein klassischer Detektiv in diesem Kriminalfall. So wie in dem Durbridge-Klassiker „Das Halstuch“ (1962). Anders als in den Vorgängern finden sich in der Besetzungsliste diesmal keine Newcomer, sondern große Namen aus Film und Fernsehen. Auch darin ähnelt er dem „Halstuch“. Es scheint so, als wollte man für den möglicherweise letzten Durbridge-Mehrteiler „Das Messer“ noch einmal an die alten Klassiker anknüpfen und einen runden Schlusspunkt setzen.

Tim Frazer heißt jetzt Jim Ellis und wird von Hardy Krüger gespielt, einem der wenigen deutschen Schauspieler mit internationaler Filmkarriere. Krüger konnte im deutschen Kino der 1950er mit dem Typ des rebellischen oder kämpferischen Einzelgängers zum Star werden. Der Titel seines ersten britischen Films „Einer kam durch“ (1957) war geradezu charakteristisch für sein Image. Danach folgte eine internationale Karriere: John Wayne, James Stewart oder Sean Connery sollten zukünftige Filmpartner von Hardy Krüger sein. Da eine Blankofigur wie Jim Ellis (oder auch Tim Frazer) im Grunde genommen jeden Raum für individuelle Gestaltung lässt, konnte Hardy Krüger den Helden ganz nach seiner Fasson darstellen: cool, leicht mürrisch und zynisch, bei Bedarf aber auch charmant. Das Einzelgänger-Image wurde schon dadurch betont, dass Jim Ellis weg aus London muss, in eine fremde Welt am Ende der britischen Insel: nach Cardiff und Wales. Dort begegnet er einer Fülle renommierter deutscher Darsteller.

Sonja Ziemann hatte zu dieser Zeit noch ein Top-Star-Image, auch Rene Deltgen war ungeheuer populär (außerdem die Stimme alter Durbridge-Hörspiele). Dazu gesellten sich Charles Regnier und Alexander Kerst, deren Schauspielkunst als nüchterne Geheimdienstauftraggeber wenig gefordert war. Peter Mosbachers eigentümliche Präsenz zeigte Wirkung und man muss bedauern, ihn nur selten in deutschen Kriminalfilmen gesehen zu haben. Karin Hübner kann in einer markanten Rolle ebenso überzeugen wie die Darsteller der Schurken, Klaus Löwitsch und Herbert Fux. Dass das zukünftige Ekel Alfred kurz vor der Serie „Ein Herz und eine Seele“ einen biederen Inspektor spielt, ist erst im Nachhinein ein flankierender Spaß. Die Welt im ländlichen Wales ist idyllisch, aber auch lähmend konventionell. Ein Freigeist wie Jim Ellis passt da ebenso wenig hinein wie Julie Andrew. Welch eine blöde Namenskreation – gibt es doch Julie Andrews, damals populärer Weltstar. Eva Renzi spielt die Reporterin, ganz offensichtlich ein Geschöpf der neuen Zeit. Ellis ist nicht mehr ganz so einsam, damit bekommt die für die Story unwichtige Figur einen Sinn. Das flirtige Geplänkel zwischen ihnen lässt den Altersunterschied der Schauspieler vergessen. 

Die Story fließt mit üblichen Überraschungen dahin, doch allzu altmodische „Verblüffungsmomente“ wie in den Durbridge-Klassikern versuchte man zurückzufahren. Die Landschaft ist schön, wir sehen bekannte Schauspieler, Style ist auch da. Doch die Auflösung und Erklärung der Mordfälle ist einmal mehr schal. Man hat zwei Möglichkeiten: sich gut unterhalten gefühlt haben und sofort in den privaten Alltag zurückzufallen, oder – als Filminteressierter – zu fragen, was der ganze Aufwand sollte. Dass die deutschen Fernsehmacher ohne Probleme einen anderen Täter präsentieren konnten als in Durbridges Vorlage, beweist die Beliebigkeit der Konstruktion. Leider muss man es so sagen: das Problem an diesem Mehrteiler war Durbridge selbst. Aussagen und Interviews belegen, dass auch die Fernsehverantwortlichen diese Sicht hatten, denn die naiven Konstruktionen der Kriminalfälle standen unter dem üblichen Niveau der Drehbuchautoren, die die ARD beschäftigte. Doch Durbridge hatte das Patent auf dieses Krimimodell. Der große Publikumszuspruch brachte die ARD immer weiter in eine Abhängigkeit, die man schon seit „Ein Mann namens Harry Brent“ loswerden wollte. Jetzt war wirklich Schluss. Jedenfalls für den WDR. Der SWR sollte aber sechs Jahre später noch eine Zugabe präsentieren. Durbridge war zu beliebt, um ihn einfach loszuwerden.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.