Ein Mann namens Harry Brent (1968)

Produktion: Westdeutscher Rundfunk 
Regie: Peter Beauvais 
Buch: Francis Durbridge (Original), Marianne de Barde (deutsche Übersetzung) 
Musik: Hans-Martin Majewski 
Mit: Günther Ungeheuer, Brigitte Grothum, Peter Ehrlich, Wolfgang Preiss, Paul Verhoeven, Anneliese Römer, Gert Haucke, Christiane Nielsen, Barbara Frey, Dirk Dautzenberg, Helmut Käutner 

Und weiter geht es mit der Modernisierung der Durbridge-Mehrteiler. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Fernsehverantwortlichen zu dieser Zeit nicht nur die Zuschauerquoten interessierten. Gerade bei den ARD-Rundfunkanstalten war das erklärte Ziel, nicht zu übersehen, dem Staatsauftrag gemäß genauso Qualität zu liefern. Und ich nehme schon einmal vorweg: In letzter Konsequenz prägen intelligente Konzeption und Kino-Unerfahrenheit diesen Mehrteiler gleichermaßen. Wider Erwarten wird „Ein Mann namens Harry Brent“ der polarisierendste Beitrag der Durbridge-Reihe. Bis heute gehen die Meinungen über diesen Mehrteiler erstaunlich weit auseinander. Nach „Tim Frazer“ (1963 und 1964) entfernte sich die Hauptfigur mit jedem Mehrteiler weiter von einem integren Helden konventioneller Vorstellung. Harry Brent bricht das Bild nicht nur durch einige Laster wie noch Guy Foster in „Melissa“ (1966). Die Geschichte dreht sich erst einmal darum, ob seine Verlobte Jane Conway (Brigitte Grothum) und die Zuschauer ihm überhaupt trauen können. Durbridges „Verblüffungsideen“ zielen darauf ab, ihn zweifelhaft erscheinen zu lassen. Ist er gar ein Mörder? Das verändert die gewohnte Figurenkonstellation deutlich. Jane Conway wird zur Identifikationsfigur. Der Inspektor, bisher immer eine Autoritätsinstanz, wird zu einem schwächeren Charakter - zumal er Expartner von Jane ist. Hat er Ambitionen, von denen wir nichts wissen? Die komplexe Konstellation ist weit entfernt von der schlichten Konstruktion früherer Durbridge Mehrteiler und hätte selbst für einen frühen Giallo getaugt. Den Fernsehmachern und wohl auch Durbridge selbst schien Ende der 1960er Jahre eine simple Story mit klassischem Ermittler und Verdächtigen nicht mehr zeitgemäß zu sein. Als Regisseur wurde Peter Beauvais verpflichtet, der einen ausgezeichneten Ruf als Theater- und Fernsehspielregisseur besaß. Keine Frage, eine intelligente Inszenierung war zu erwarten. Auch bei der Besetzung der Rollen hatte man sich Gedanken gemacht. Günther Ungehauer war ein bekannter, aber unverbrauchter Schauspieler im deutschen Fernsehen. Im Kino schienen seine agile Gestalt und sein scharfkantiges Gesicht prädestiniert für die Rollen eines schlauen Gangsters zu sein. Große Rollen in „Diamantenbillard“ (1965), „Maigret und sein größter Fall“ (1966) und „4 Schlüssel“ (1966) stellten das eindrucksvoll unter Beweis. Gut, dass nicht der zunächst dafür angedachte Joachim Fuchsberger den Part übernahm. Dessen Image hätte das Zwielicht der Figur stark gemäßigt. Die unter anderem aus drei Edgar-Wallace-Filmen bekannte Brigitte Grothum war viel mehr als nur „damsel in distress“, sondern eine seriöse Theaterschauspielerin, die nach ihren Wallace Filmen eher rar in Film und Fernsehen war. Kompetenz war garantiert! Mit Peter Ehrlich schließlich als ermittelnden Inspektor konnte man einen talentierten Newcomer präsentieren, der dem Publikum höchstens aus dem Dreiteiler „Flucht ohne Ausweg“ (1967) bekannt gewesen sein dürfte. Die Besetzung zeugte schon deswegen von Ambition, weil man sich nicht einfach auf naheliegende Genre-Gesichter verlassen hatte. Das gilt auch für die weiteren Rollen. Man sah die verdienten Regisseure Paul Verhoeven und Helmut Käutner als Darsteller in Nebenrollen. Besonders Helmut Käutner hatte durch einige der angesehensten Vor- und Nachkriegsfilme einen großen Namen. Dass der große Regisseur als Geheimdienst-Vorgesetzter auf dem Golfplatz zu finden ist und sich weniger für den Kriminalfall als mittlerweile für Golf und das anschließende Dinner interessiert, ist ein köstlicher Gag. Genau Käutners Humor, allerdings werden das nur Insider so wahrnehmen können. Mit Anneliese Römer hatte man eine große Theaterschauspielerin verpflichtet, Gert Haucke war noch ein Newcomer in der Fernsehlandschaft und lediglich Christiane Nielsen und vor allem Wolfgang Preiss waren prominente Kinogesichter. Für den Assistenten des Inspektors fiel die Wahl auf den ewigen Kleinbürgerdarsteller Dirk Dautzenberg. Eine kluge Wahl! Denn gerade Dautzenberg als Polizist stellt einen wunderbaren Kontrast zu dem unkonventionellen Kosmopoliten Harry Brent dar. Die Heterogenität und die zum Teil überraschende Besetzung zeugten von präziser Planung des WDR und des Regisseurs Peter Beauvais. Peter Beauvais war ein bei Schauspielern und Rundfunkanstalten überaus geschätzter Theater- und Fernsehfilm-Regisseur. Seine hohe Kompetenz wird durch viele Aussagen der Branche gewürdigt. Beauvais war auch klug genug zu wissen, dass nicht nur Dialoge, sondern auch Aktion in einen Kriminalfilm gehören. Davon bietet „Ein Mann namens Harry Brent“ auch definitiv mehr als alle Vorgänger. Man war stolz auf die Mehrteiler, der WDR kündigte ihn als Schluss- und Höhepunkt der Durbridge-Adaptionen an. Was sollte danach noch kommen? Elf Monate später kam „Babeck“, von Herbert Reinecker geschrieben und vom ZDF produziert. Auch intelligent, aber nicht intellektuell gestaltet, vor allem aber mit sanguinischer Lust im Vergleich zur ARD, die oftmals einen vergleichsweise asketischen Kulturanspruch hatte. Kitsch und Pulp schienen billig, die Ästhetik eines Giallos meilenweit aller Vorstellungskraft entfernt. Dabei hätte Durbridges Stoff durchaus Kinoqualität und Raum für filmgestalterische Ästhetik gehabt. „Ein Mann namens Harry Brent“ lässt die Probleme der ARD in den kommenden Jahren bereits erahnen. Während das ZDF einen sprudelnden Krimi-Output hatte und mit der Serie „Der Kommissar“ scheinbar mühelos einen phänomenalen Erfolg erzielte, wurde viel gedacht in den Rundfunkanstalten der ARD. Die 1970 gestartete Tatort-Reihe hatte es schwer, mit je nach Rundfunkanstalt konzeptionell diversen Kriminalfilmen zu punkten. Ich möchte auf vieles nicht verzichten, was dabei herauskam. Doch die Massen waren inzwischen beim ZDF gelandet. Und genau dieser Unterschied wird sogar mit der Musik spürbar: Peter Thomas Titelmusik zu „Babeck“ lässt die Trompeten und Posaunen lustvoll krachen, während der hochkompetente Komponist Hans-Martin Majewski „Ein Mann namens Harry Brent“ mit einem einsamen Sopran Saxophon eröffnet.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.