Melissa (1966)

Produktion: Westdeutscher Rundfunk 
Regie: Paul May 
Buch: Francis Durbridge (Original), Marianne de Barde (deutsche Übersetzung) 
Musik: Peter Thomas 
Mit: Günther Stoll, Ruth Maria Kubitschek, Siegfried Wischnewski, Hubert Suschka, Hanne Wieder, Erik Schumann, Albert Bessler, Katinka Hoffmann, Claudia Gerstäcker, Ulrich Beiger, Franz Schneider, Christine Uhde, E. O. Fuhrmann, Dietrich Thoms u.a. 

Neben „Das Halstuch“ (1962) ist „Melissa“ der bekannteste Krimi-Mehrteiler nach Francis Durbridge mit Einschaltquoten bis knapp 90 Prozent. Allerdings besaßen 1966 bereits 59 Prozent der Haushalte ein Fernsehgerät, gegenüber 34 Prozent im Jahr 1962. Das Publikum war also erheblich größer geworden. Und es war begeistert. Wir haben es mit einem klassischen Straßenfeger zu tun. Die noch relativ unbekannten Darsteller Günther Stoll und Ruth Maria Kubitschek sollten zu „Gesichtern der Nation“ werden. Der vorsichtig neue Kurs, den der Vorgänger „Die Schlüssel“ (1965) einschlug, wurde hier nochmals vorsichtig weitergeführt. Mit Stoll und Kubitschek wagte man vergleichsweise noch weniger konventionelle Hauptfiguren, die sich aber in der gutbekannten Durbridge-Welt bewegten. Wagnis auf sicherem Boden. Das zahlte sich überraschend gut aus. Günther Stoll war der bisher unbekannteste Hauptdarsteller in einem Durbridge-Mehrteiler. Nach dem kreuzbraven Max Eckard als „Tim Frazer“ (1963 und 1964) war schon Harald Leipnitz in „Die Schlüssel“ (1965) ein moderner wirkender Hauptprotagonist gewesen – er gönnte seiner Figur etwas Sensibilität in modernem Lebensstil. Stoll geht da als Guy Foster noch einen Schritt weiter: seine Figur ist ein melancholischer Held; ein mäßig erfolgreicher Schriftsteller mit Alkoholproblem; einer, der anders ist als sein Publikum und dafür erkennbare Schrammen hat. „Melissa“ gibt Guy Foster Gelegenheit, seinen Lebensstil im Laufe der Handlung zu korrigieren. 1966 war man noch der Meinung, Alkoholabhängigkeit wäre durch Mäßigung in den Griff zu bekommen, einfach zwei oder drei Whisky weniger, und alles ist wieder in Ordnung. Da Guy Foster Charme hat und wir sehen, wie übel ihm mitgespielt wird, drücken wir ihm die Daumen, dass alles wieder ins Lot kommt. Seine Gattin ist Melissa Foster, die Titelfigur. Ruth Maria Kubitschek erwies sich als Idealbesetzung. Ihr Gesicht war sehr spezifisch und gab Rätsel auf. Die ungewöhnliche Melange aus Attraktivität und Distanziertheit machte sie zu einer sphinxhaften Ikone der Gegenwart. Oft hörte ich, dass die Kubitschek die Hauptrolle in „Melissa“ spiele – doch Melissa Foster wird gleich zu Beginn der ersten Folge ermordet. Ihre Rolle ist wirkungsvoll, aber sehr kurz, vielleicht gerade deswegen so enigmatisch. Guy Foster erhält am Ende der ersten Folge einen nächtlichen Anruf. Seine totgeglaubte Frau ist am Telefon. Lebt sie doch? Oder ist Guy Foster zu betrunken? Der Cliffhanger funktioniert perfekt und Melissa steht wieder im Mittelpunkt. Wie geht es weiter mit dem unkonventionellen Paar? In der letzten Folge erfahren wir schließlich, dass Melissa selbst kriminell war. Im Gegensatz zu ihrem Mann kann sie sich nicht rehabilitieren. Guy war also der Gute und Melissa die Böse. Ein für das Publikum zufriedenstellendes Ende. Günther Stoll konnte kurzfristig von „Melissa“ gut profitieren. Wie schon einige Vorgänger besetzte ihn Horst Wendlandt prompt als Inspektor in einem Edgar-Wallace-Film. Während Stoll in italienischen Western und Giallos noch größere Rollen geboten bekam, wusste man in Deutschland mit dem Melancholiker weniger anzufangen. Stoll endete als Derrick-Mitarbeiter noch unter Harry Klein, bevor er 1977 früh verstarb. Während Stoll in „Melissa“ einen großen Part zu spielen hatte, musste Ruth Maria Kubitschek – ohne ihre eigentlichen Fähigkeiten schmälern zu wollen - nicht viel mehr als ihr Gesicht zu präsentieren. Sie profitierte langfristig von „Melissa“. Ich erinnere mich noch gut, in den 1980er Jahren Sätze gehört zu haben wie „…das ist doch die, die damals Melissa so toll gespielt hat“. Diese Rolle haftete ihr zeitlebens an. War Albert Lieven in „Die Schlüssel“ noch ein erkennbar sympathischer Inspektor, den sich der Hauptprotagonist bald zum Freund hatte, so hat Guy Foster es aktuell schwerer. Siegfried Wischnewski gibt einen härteren und unerbittlicheren Inspektor. Es wird lange dauern, bis Inspektor Cameron von der Unschuld des Hauptprotagonisten überzeugt ist. Die anderen Figuren im Spiel gehören wie immer bei Durbridge zumeist der gehobenen Mittelklasse an und werden über gut situierte oder modische Berufe gekennzeichnet: Geschäftsmann, Rennfahrer, Arzt, Schauspielerin, Friseur. Doch stärker als in allen Vorgängern wird dem Helden mitgespielt. Ein „Nervenarzt“ (Albert Bessler) zum Beispiel und schließlich auch dessen Angestellte behaupten, Guy Foster sei Patient des Psychiaters. Eine kalte Lüge. Man kann niemandem trauen. Die etablierte Gesellschaft ist für den Außenseiter kein sicherer Boden mehr. Damit traf der Mehrteiler 1966, kurz vor gesellschaftlichen Umbrüchen, einen Nerv, den das aufbruchsbereite Feuilleton offenbar nicht wahrnahm. Hubert Suschka, Hanne Wieder, Erik Schumann oder der aus Wallace-Filmen bekannte Albert Bessler stellen die Spielfiguren des Rätsels dar. Dass eigentlich der ganze kriminelle Aufwand nicht im Verhältnis zu seinem Nutzen steht, ignorieren wir besser. Es geht schließlich um Effekt und nicht um Logik. Doch das Ende ist wieder einmal beliebig. Ein Durbridge-Problem. Ich kenne Durbridges Arbeitsprozess nicht, doch es wäre ihm möglich, erst kurz vor Schluss zu entscheiden, wen er denn nun im letzten Kapitel als Drahtzieher präsentiert. Ein wenig Austausch und Korrektur hätten genügt, um eine andere Person zu präsentieren. Und so ist zwar die Neugier befriedigt, aber die Wirkung bleibt oberflächlich. Vielleicht auch nicht mehr so wichtig nach all den Aufregungen. Zu erwähnen ist noch, dass Peter Thomas der Melissa-Figur durch kongeniale Musik einen sinnlichen Mehrwert bescherte. Sein Titel „Melissa“ erreichte Platz vier in den Charts. Der kolossale Erfolg machte „Melissa“ zusammen mit „Das Halstuch“ zum Inbegriff eines Durbridge-Mehrteilers. Solche Einschaltquoten konnten mit den folgenden Mehrteilern nicht mehr erreicht werden.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.