Die Schlüssel (1965)

Produktion: Wilhelm Semmelroth, Westdeutscher Rundfunk 
Regie: Paul May 
Buch: Francis Durbridge (Original), Marianne de Barde (deutsche Übersetzung) 
Musik: Peter Thomas Mit: Harald Leipnitz, Albert Lieven, Dagmar Altrichter, Anna Smolik, Ruth Scherrbarth, Hans Quest, Friedrich Joloff, Bum Krüger, Helmut Peine, Peter Thom, Christian Wolff, Reinhard Glemnitz, Benno Hoffmann, Henry van Lyck u.a. 

Zum ersten Mal wurde die Reihe der Durbridge-Mehrteiler im deutschen Fernsehen konzeptionell verändert. Behutsam, denn die Begeisterung des Publikums war fast ungebrochen. Doch einige kritische Stimmen der Zuschauer und das Gespür der Fernsehverantwortlichen für einen Zeitenwandel waren Anlass genug, um einige Punkte zu überdenken und vorsichtig zu verändern. Enttäuschen wollte man die Erwartungshaltung natürlich nicht. Die Veränderungen waren deshalb korrektiv und nicht innovativ. Die einzige Neuerung, die deutlich war, lag in der Begrenzung der Mehrteiler von bisher sechs auf zukünftig drei Folgen, die allerdings statt circa 30 Minuten auf gut 60 Minuten Länge angehoben wurden. Nach der Zuschauerkritik an den allzu kurzen Folgen von „Tim Frazer – Der Fall Salinger“ konnte man sich auf einen ausgiebigeren Fernsehabend freuen. Den zeitgemäßen Bedürfnissen des immer größer werdenden Fernsehpublikums wurde also Rechnung getragen. Doch die längeren Folgen benötigten verständlicherweise eine andere Konzeption. Hans Quest, der die letzten vier Mehrteiler inszeniert hatte, gab den Regiestuhl frei. Anscheinend einvernehmlich, denn wir sehen Hans Quest als Darsteller in „Die Schlüssel“. Der Regisseur Paul May hatte große Kinoerfolge aufzuweisen: die erfolgreiche „08/15“- Serie (1954-1955), „Die Landärztin“ (1958) oder „Und ewig singen die Wälder“ (1959) – um nur einige zu nennen. Mit ihm löste sich die Durbridge-Serie nun deutlich vom theaterhaften Stil. Auch Fernsehspiele sollten von nun an ganz selbstverständlich Außenaufnahmen beinhalten können. In „Die Schlüssel“ wird zum ersten Mal ein Mordvorgang schon in der ersten Folge gezeigt – auf offener Straße. Später lernen wir die Wohnung eines gewissen Thomas Quayle sogar räumlich kennen. Der Schauplatz bleibt nicht auf ein theaterhaftes Zimmer begrenzt. Mit der Kamera geht’s in die Winkel der Kellerräume. Doch Paul May war kein Innovator filmischer Gestaltung, sondern ein professioneller Routinier. Auch seine Kinoarbeit „Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“ hatte das 1963 gezeigt. Angst vor Experimenten muss niemand haben. Eine weitere Neuerung ist die modernere Anlage der Hauptfigur. Harald Leipnitz war die perfekte Wahl. Er spielt den Bruder des Ermordeten, ist also persönlich betroffen und gerät bei der Polizei aber unter Verdacht. Die enorme Bandbreite von Leipnitz zeigt sich in seinen fast zeitgleich entstandenen Kinofilmen: in dem Karl-May-Western „Der Ölprinz“ ist er als Titelheld die Inkarnation des Bösen, in dem Edgar-Wallace-Film „Der unheimliche Mönch“ spielt er den untadeligen Inspektor. Doch Leipnitz kann auch viele Farben dazwischen: Melancholie, Zwielichtigkeit, Verzweiflung, Lässigkeit oder Überheblichkeit gelingen ihm scheinbar mühelos. Wir wissen aus dem neueren französischen, italienischen oder englischen Kino, dass ein Held mit Brüchen starke Faszination ausüben kann. Ab Mitte der 1960er Jahre mit beginnender gesellschaftlicher und kultureller Veränderung sollte ein makelloser Held zunehmend altmodisch wirken, wenn er nicht ironisch gezeigt wurde. Schon der Beruf des Fotografen gibt Leipnitz als Eric Martin einen freigeistigeren Anstrich, galt dieser Beruf doch 1965 immer noch als unkonventionell und modern. Nichtsdestotrotz, im Laufe der „Schlüssel“-Folgen zeigt sich die Modernität des Helden eher äußerlich. Und für das brave Publikum war es beruhigend, dass der Modefotograf im Grunde genommen ein ganz anständiger Kerl ist. Interessant ist, dass dem „zeitgemäßen“ Leipnitz ein altbekanntes Gesicht gegenübergestellt wird: Albert Lieven, in „Der Andere“ (1959) und „Das Halstuch“ (1962) war er noch ein Verdächtiger, nun darf er den Inspektor geben. „Die Schlüssel“ erfüllt die Erwartung an ein Kriminalspiel mit Spannung und den für Durbridge typischen „Verblüffungsmomenten“ mit Bravour. Wir bleiben voller Spannung im rätselhaften Geschehen. Doch schneller als gewohnt sind wir bereits im dritten Teil und jetzt wird eine Schwäche der Durbridge-Konstruktion offensichtlicher als in den Vorgängern. Die Demaskierung des Drahtziehers bleibt ohne Wucht, die Auflösung wird zur Erklärung. Immerhin hat Friedrich Joloffs Physiognomie auch dann noch eine Wirkung, wenn die Dramaturgie bereits nachlässt. Das bleibt am Ende leider der Wermutstropfen eines Mehrteilers, der in seiner vorsichtigen Neukonzeption hervorragend funktioniert hatte. Aufgrund des nach wie vor enormen Zuschauerinteresses an Kriminalfilmen von Francis Durbridge sollte, das aber dem Fortgang der Serie nicht im Wege stehen.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.