Tim Frazer - Der Fall Salinger (1964)

Produktion: Wilhelm Semmelroth, Westdeutscher Rundfunk 
Regie: Hans Quest 
Buch: Francis Durbridge (Original), Marianne de Barde (deutsche Übersetzung) 
Musik: William Keiper 
Mit: Max Eckard, Ingrid Ernest, Eva Pflug, Konrad Georg, Hartmut Reck, Manfred Heidmann, Siegfried Wischnewski, Wolfgang Wahl, Max Mairich, Hermann Lenschau, Jan Hendriks, Kurt Beck 

Wenn der Krug beim Gang zum Brunnen zerbricht, trifft es oft einen unschuldigen Träger. Wer immer nur die besten Weine trinkt, der findet irgendwann auch daran geschmacklich etwas auszusetzen. Hat der Erste großartige Arbeit geleistet, bleibt der Zweite immer unsichtbar. Ich gebe zu, die Sinnsprüche schießen etwas über das Ziel hinaus, doch Sensationserfolge lassen sich nicht beliebig wiederholen. Bevor der Eindruck entsteht, es ginge bergab mit der Durbridge Reihe, muss zwar erneut ein großer Erfolg bescheinigt werden, doch auch aus dem Publikum gab es mehr kritische Stimmen als gewohnt. Die Marke Durbridge war mittlerweile so groß, dass man enttäuscht sein musste, wenn die großen Erwartungen in deutlich weniger als 30 Minuten schon abgehandelt waren. Außerdem zeichnete sich 1964 schon deutlich ab, dass abgefilmtes Theater als Fernsehspiel nicht mehr ausreichend war. Es spricht für Wilhelm Semmelroth, dass er für jedes Durbridge-Ereignis eine neue Besetzung zusammenstellte. In diesem Fall aber waren die Namen weniger prominent als in den beiden Vorgängern. Selbst in der heutigen Wahrnehmung geht „Der Fall Salinger“ immer etwas unter. Auf einigen Webseiten ist er dem „Tim Frazer“ von 1963 angehängt. Ach ja, da war noch ein zweiter Teil. Dabei bietet „Tim Frazer – Der Fall Salinger“ eine interessante Ausgangssituation: War es Unfall oder Mord? Hat die attraktive Frau den Unfall absichtlich herbeigeführt? Die Details verwirren und verblüffen. Dass ein Metronom, das in ganz anderem Zusammenhang in der Handlung aufgetaucht ist, Takt schlagend neben einer Leiche gefunden wird, ist einer der großartigsten Cliffhanger in Durbridge-Krimis. Der Verblüffungseffekt wird auf die Spitze getrieben. Zwar wird die Geschichte genau (nicht langatmig!) erzählt, aber Spannung wird immer gehalten. Besonders die hinausgezögerte Auflösung funktioniert in diesem Krimi besser denn je. „Wer war es?“ Bislang standen meist viele Verdächtige zur Auswahl; hier wird die Frage auf wenige Personen reduziert. Das macht die Lösung zwingender. Interessant ist, dass gerade die Handlungssegmente, die ebenso gut auf einer Theaterbühne hätten stattfinden können, die besten sind. Francis Durbridge bläht den Fall aber auf. Die Story gerät immer tiefer in die Machenschaften des illegalen Diamantenhandels. Der Autor greift erkennbar stärker den Zeitgeist auf und lässt deshalb zunehmend Agenten auftreten. Zu eigentlichen Agentenstorys werden diese Krimis jedoch nie, Agenten bleiben lediglich eine Farbe in den konventionellen Kriminalgeschichten. Tim Frazer selbst bleibt als Geheimdienstmitarbeiter immer die Variation eines klassischen Detektivs. Er kann von Glück sprechen, dass sich die international tätigen Organisationen als Kriminelle erweisen, deren naives Vorgehen allenfalls in einem viktorianischen Kriminalroman glaubwürdig wäre. Die geheimen Erkennungszeichen sind komplizierte Rituale, die weniger den Gangstern nützen als dem Publikum: denn gerade sie dienen zur Gestaltung von Verblüffungsmomente, die die Zuschauer doch so sehr lieben. Am Ende bleibt „Tim Frazer – Der Fall Salinger“ trotz seines großen Erfolges zur Entstehungszeit heute etwas unauffällig zwischen schillernderen Mehrteilern. Das ist nicht gerade gerecht, aber andererseits gibt es für manchen Krimifreund so noch etwas zu entdecken.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.