Das Halstuch (1962)

Produktion: Wilhelm Semmelroth, Westdeutscher Rundfunk Köln 
Regie: Hans Quest Buch: Francis Durbridge (Original), Marianne de Barde (deutsche Übersetzung) 
Musik: Hans Jönsson 
Mit: Heinz Drache, Albert Lieven, Dieter Borsche, Margot Trooger, Hellmut Lange, Horst Tappert, Gardy Granass, Eckart Dux, Erwin Linder, Eva Pflug, Christian Doermer, Alf Marholm 

Können Sie sich vorstellen, wie es jemandem geht, der sich auf leckere Hausmannskost freut, dem dann aber „haute cuisine“ inklusive Froschschenkel serviert werden? So wie der Koch zeigen will, was er draufhat, so ist es auch im Kulturbetrieb. Von Theatern will ich gar nicht reden, auch Fernsehspiele waren in den 1960er Jahren nicht selten hochambitionierte Ergüsse von Autoren und Regisseuren. Das Problem: Den chancenlosen Rezipienten wurde etwas auferlegt, das sie gar nicht bestellt hatten und das ihnen nur schwer verdaulich war. Das war ein grundlegendes Problem des Fernsehens, das die Standardmeckerei des Publikums erklärt. Denn gemeckert wurde über das ausgestrahlte Programm immer - seit der ersten Stunde bis zum heutigen Tag. Francis Durbridge sagte einmal, der große Erfolg in Deutschland stünde eigentlich gar nicht ihm zu. Recht hat er: Seine Romane sind simpel gebaute Geschichten. Und ironischerweise hat er doch nicht recht, denn seine Geschichten haben die Qualität, in elementarer Einfachheit die Bedürfnisse sehr vieler Fernsehzuschauer zu befriedigen. Nein, das heißt nicht, das Publikum sei zu schlicht für Anspruchsvolleres! Auch die Kenner der „haute cuisine“ können Appetit auf hochwertige Hausmannskost haben, ein einfaches Modell kann eine legitime ästhetische Qualität besitzen. „Das Halstuch“ war in seiner einfachen Konstruktion die schnörkelloseste Story innerhalb der Durbridge-Mehrteiler. Und ein sensationeller Erfolg, nicht nur ein Fernsehereignis, sogar ein Gesellschaftsereignis. Leere Theater, leere Kinos, leere Sportveranstaltungen und leere Straßen. Ein Straßenfeger, Thema in der Presse. Die Grundform der Kriminalstory ist in ihrer Simplizität genial, denn sie belästigt die Zuschauer nicht mit dem aufgezwängten Mitteilungsbedürfnis der Macher so wie in einigen Tatort-Folgen der 1970er Jahre oder sogar in einigen Herbert Reinecker Krimis. Gefüllt wurde die Form mit erstklassigem Schauspiel. Rückblickend erscheint die beeindruckende Besetzung wie ein erstaunlicher Glücksfall. Der vorher nur mäßig bekannte Heinz Drache gelangt als ermittelnder Inspektor mit „Das Halstuch“ endgültig ins Bewusstsein eines Millionenpublikums und wird in den Folgejahren in ähnlichen Rollen zu einer Ikone der Edgar-Wallace-Filme. Die vitale Energie, mit der ein zeitgemäßer Durchschnittsbürger in einer nun freiheitlichen Gesellschaft gegen das Übel vorgeht, hat Heinz Drache vortrefflich zu seinem Markenzeichen gemacht. Und das wirkte damals viel moderner, als man heute vermuten würde. Albert Lieven gibt den kosmopolitischen Verdächtigen, Dieter Borsche den individualistischen Künstler, Margot Trooger die leicht mondäne Boutique-Inhaberin, Erwin Linder den pragmatischen Gutsbesitzer, Horst Tappert – damals ein neues Gesicht – den empathischen Vikar – das sind zwar Klischeetypen, die durch dieses außergewöhnliche Ensemble jedoch mit großer Präzision zum Leben erweckt werden. Hellmut Lange als mürrischer Musiklehrer ist der Einzige, der etwas exzentrischere Farben präsentieren darf. Natürlich auf demselben hohen Niveau wie seine Kollegen. Das für die Aufzeichnung neu eingesetzte Ampex-Verfahren, so modern es damals auch schien, hatte einen Haken: Die Szenen mussten wegen erschwerter Schnittarbeit in größeren Takes gedreht werden. Präzises Schauspiel musste über längere Strecken bewältigt werden. Kein Problem! Das hochkarätige Ensemble fühlte sich ohnehin dem Theater mehr verpflichtet als dem Fernsehspiel, wenn auch inzwischen die meisten häufiger im Film als auf der Bühne tätig waren. Der Großteil der Szenen spielte sich ohnehin im Polizeibüro oder in der Wohnung von Clifton Morris ab. Außenaufnahmen waren sehr rar. Das Kriminalspiel befand sich im Jahr 1962 erwartungsgemäß noch immer nah am abgefilmten Theater. Hans Jönsson hat die Titelmusik und einige wenige Untermalungsmusiken zu verantworten. Sicher haben Jönssons Kompositionen nicht die explosive Kraft von Peter Thomas, der noch den Soundtrack zu „Es ist soweit“ zu verantworten hatte. Doch darin liegt ein Vorteil, denn Jönssons Musik bringt das Krimithema exemplarisch auf den Punkt, ohne über das Ziel hinauszuschießen. So ist Jönssons Titelmusik zum Klassiker unter den Fernsehkrimi-Titelmusiken der 1960er Jahre avanciert. Mit „Das Halstuch“ wurde der Fernsehkrimi in den 1960er Jahren über Durbridge hinaus zum Thema – nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Verantwortlichen in den Sendeanstalten und für das Feuilleton. Die Diskrepanz zwischen dem einfachen Fernsehmodell und dem sensationellen Erfolg überraschte, verwirrte und verunsicherte Kritiker, die in Zukunft mit großer Skepsis auf Kriminalunterhaltung blickten. Manche waren wohl überrascht, wie gut Menschen exzellente Hausmannskost schmecken kann.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.