Es ist soweit (1960)

Produktion: Norddeutscher Rundfunk- und Westdeutscher Rundfunkverband 
Regie: Hans Quest 
Buch: Francis Durbridge (Original), Marianne de Barde (deutsche Übersetzung) 
Musik: Peter Thomas 
Mit: Jürgen Goslar, Eva-Ingeborg Scholz, Peter Pasetti, Siegfried Lowitz, Fita Benkhoff, Hanns Ernst Jäger, Karl Lieffen, Benno Sterzenbach, Inge Egger 

Der zweite Durbridge-Sechsteiler im deutschen Fernsehen war nicht nur ein Quantensprung im Vergleich zum ersten Sechsteiler („Der Andere“, 1959), sondern in mancherlei Hinsicht sogar moderner als die Nachfolger. Anders als bei Durbridge üblich, beginnt die kriminalistische Handlung nicht mit einem rätselhaften Mord, sondern mit einer Kindesentführung. Im Haus der Freemans spielt ein Großteil der Handlung, das tief besorgte Ehepaar muss in dieser entsetzlichen Situation diverse Besucher aus dem Bekanntenkreis ertragen. Schnell ahnen die Zuschauer, dass Menschen aus dem Umfeld des Ehepaares in die Angelegenheit verwickelt sein könnten. Und einige Mordfälle machen klar, dass es nicht nur um Entführung geht. Am Ende sehen wir sogar international aktive Agenten mit dem Auto durch das echte London rasen! „Es ist soweit“ wirkt im Ganzen etwas größer und dynamischer als andere Durbridge-Verfilmungen Anfang der 1960er Jahre. Obwohl sich der Durbridge-Stil grundsätzlich realistisch gibt, ist die Chose natürlich ausgesprochen fiktional. Logik ist egal, wir wollen schließlich unterhalten werden. Doch „Es ist soweit“ mutet da schon einige Unempfindlichkeit zu. Dass die Freemans in ihrer Situation auch noch zu höflicher Plauderei mit Gästen fähig sind, muss man als englische Gelassenheit einordnen. Ebenso erstaunt, dass Fotograf Pelford mit offener Identität seine Mitwirkung an der Kindesentführung zugibt. Wir schlucken auch, dass Gangster nebenbei etablierte Bürger sind und Berufen wie Zahnarzt, Rechtsanwalt oder eben Fotograf nachgehen. Gibt es so etwas? Ja, in einem englischen Krimi, der gut zu fesseln weiß! In Serienkrimis der 1970er Jahre war er oft der unseriöse Lebemann, hier spielt Jürgen Goslar mit Bravour die Hauptrolle des Ehemanns und Eva-Ingeborg Scholz die der Ehefrau. Peter Pasetti passt auch wunderbar in die gepflegte Kriminalromangesellschaft, UFA-Star Fita Benkhoff glänzt ebenso in einem ihrer späten Auftritte und Siegfried Lowitz etabliert sich nach einigen Inspektorenrollen im Kino, unter anderem in „Der Frosch mit der Maske“ (1959), jetzt auch im Fernsehen als erste Wahl für die Rolle des bürgerlichen Polizeiermittlers. Hanns Ernst Jäger und Karl Lieffen müssen in dem Figurenspiel nicht ihre hochexpressiven Fähigkeiten ausspielen, die bizarre Farbe ihrer Persönlichkeit ist schon völlig ausreichend. Peter Thomas befand sich noch in der Frühphase seiner Filmmusikarbeiten und hatte den für ihn typischen Stil noch nicht gefunden. Umso interessanter ist seine Titelmusik, die in einem düster dramatischen, noch wenig ironischen Stil schlagkräftig beeindruckt. Mit solcher Wucht allerdings, dass sie im Abspann den gerade gesehenen Cliffhanger in seiner Harmlosigkeit der Lächerlichkeit preisgibt. Hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Im Kino fand er in den folgenden Jahren die passgenauen Filme für seine musikalischen Eruptionen. „Es ist soweit“ bietet spannende Unterhaltung in souveränerer Machart als sein Vorgänger für ein Publikum, das angesichts der groben Fiktion so großzügig und gelassen sein sollte wie vermeintlich englische Filmfiguren.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.