Pars pro toto
Pars pro toto: So funktionieren viele Derrick-Folgen der Mitte der 1980er Jahre. Ein sauber konstruierter Krimi mit üblichen Verdächtigen und den Überraschungen, die man zur Vermeidung von Langeweile benötigt. Wir sind in einer Phase, in der Derrick zur normierten, aber verlässlich professionell hergestellten Fernsehware geworden ist, die ohne Probleme unterhält und keine unnötige Aufregung gegen die Feierabendstimmung in den Wohnzimmern hervorruft. Obwohl die deutlich kantigeren Folgen der früheren Jahre meinen Bedürfnissen sehr viel mehr entgegenkommen, will ich nicht abwerten. Helmut Ringelmann muss dem Quotendruck in der neuen Fernsehlandschaft schließlich Rechnung tragen. Er und Alfred Vohrer stehen bereit, um die Bedürfnisse eines breiten Publikums zu bedienen. Es wäre unfair, nicht zu goutieren, dass das qualitativ hochwertig geschieht. Schließlich hat das Publikum ein Recht darauf. Alfred Vohrers Handschrift ist allerdings kaum noch zu erkennen – außer vielleicht in der Professionalität. Ein Ensemble erprobter Fachkräfte führt die darstellerische Arbeit mühelos durch. Karl-Heinz Vosgerau hat ein wenig mehr Gelegenheit, sein einnehmendes Handwerk zu präsentieren, andere wie Friedrich Georg Beckhaus, Louise Martini oder Sascha Hehen können in Chargenrollen überzeugen. Wieder einmal ist es Dirk Dautzenberg, der mit der kleinen, aber ungewöhnlichen Rolle eines von den Ereignissen überforderten Hausangestellten eine interessante Farbe in das Geschehen bringt. Eberhard Schoener untermalt den Fernsehkrimi mit Sounds, die den alt gewordenen Machern der Serie vermutlich sehr modern erschienen. Besonders aus heutiger Sicht wirkt die Musik uninspiriert oder sogar unfreiwillig aufdringlich. Kümmern wir uns also um die Story, deren Vorzüge im tadellosen Bau liegen, deren Schwäche jedoch in den für Herbert Reinecker typischen Motiven. Die Handlung weiß zweifellos zu unterhalten: ein rätselhafter Mord, die Funktion der Personen um das Mordopfer schwer zu durchschauen, ein Plot Twist – der Mord sollte jemand anderen gelten – und schließlich überraschende Verquickungen zwischen den Akteuren. Warum aber alles wie selbstverständlich im Ambiente der Oberschicht stattfinden muss, erschließt sich weniger dramaturgisch; es drängt sich der Eindruck auf, dass dieses Milieu für die inzwischen gesetzten Fernsehmacher zum natürlichen Standard geworden war. Dem Publikum fiel das damals gar nicht so sehr auf, denn inzwischen waren die „Arme-Leute-Welt“ aus fünfzehn Jahren alten Kommissar-Folgen seltener Lebensrealität. Es ist glatter konsumierbar, wenn jederzeit ein Whiskey on the rocks zur Verfügung steht. Problematischer ist der Anlass fürs Morden. Wieder einmal wurzelt das Mordmotiv in der erotischen Beziehung zwischen jungen attraktiven Frauen und alten liquiden Herren. Zwar wird das negativ gekennzeichnet, doch Reineckers ständige Rückkehr zu diesem Thema legt den Verdacht nahe, dass solche sexuellen Verbindungen die erste Standardformel sind, die den alten Machern in den Kopf kommen. So wenig man gerne über die Zoten von alten Männern lacht, so wenig wünscht man sich routinierte Thematisierung derer Obsessionen. Kein Wunder, dass dieses Motiv heute in Diskussionen über Reinecker immer wieder kritisch angesprochen wird. Wenigstens kommt „Naujocks trauriges Ende“ ohne moralisches Philosophieren aus. Um mich nicht ständig zu wiederholen, soll diese Folge pars pro toto für viele Derrick-Folgen einer Zeit stehen, in der die Serie zur zuverlässigen, sauber produzierten, aber auch sehr glatten und routinierten Fernsehunterhaltung geworden war. Nicht zu aufregend, nicht anstrengend, zwischen 20:15 und 21:15 am Freitagabend der entspannte Einstieg in das Wochenende.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.