Brynych, Käutner und die Poesie des Erbärmlichen
Die schreckliche Musik, die wir in zahlreichen Wiederholungen ertragen müssen, kennzeichnet „Auf eigene Faust“ unverkennbar als eine Inszenierung von Zbyněk Brynych. Da ist zuerst einmal die von Peter Thomas komponierte Melodie eines Straßenmusikers, die auf einem Kamm geblasen und mit nichtssagenden Lauten gesungen wird. Sie erinnert ein bisschen an den derzeitigen Hit mit erheblichem Nervpotential „Im Wagen vor mir“ von „Henry Valentino und Uschi“. Peter Thomas hat das für den Regisseur in ähnlicher Weise schon einmal in der Kommissar-Folge „Die Schrecklichen (1969) bewerkstelligt. Noch schlimmer kommt es in einer halbseidenen Kneipe. Die Musikbox wiederholt immer wieder den Johann Strauß-Walzer „G´schichten aus dem Wienerwald“ in einer Heimorgel-Version, zu der die billige Begleitautomatik den Walzer in einen stumpfen 4/4-Takt presst. Doch die Musik bleibt nicht im Lokal, man hört sie noch weit in die Gassen des Viertels hinein, in dem Harry Klein auf Mördersuche ist. Um Missverständnisse zu vermeiden: Die erbärmliche Trivialität der Musik ist genial. Sie macht das Schicksal der Mordopfer bitterer, den Kampf der Frustrierten vergeblicher und kennzeichnet die furchteinflößenden wie wortkargen Verbrecher als brutale Idioten. Siegfried Rauch spielt das erste Mordopfer. Er ist ein Polizist, der noch immer provisorisch in seinem erbärmlichen Kinderzimmer daheim wohnt und „auf eigene Faust“ hinter einer Geldfälscherbande her ist. Großes wollte er leisten, um seinem erbärmlichen Polizisten-Dasein zu entkommen. Genauso erbärmlich ist das Schicksal von Karl John, in Film und Fernsehen ein Spezialist für desillusionierte Männer, die vergeblich gegen ihre Frustration kämpfen. John spielt einen pensionierten Polizisten, der jetzt als Privatdetektiv Erfolge sucht, die ihm im Berufsleben verwehrt geblieben sind. In einer Brynych-Folge sind die Figuren aufgrund ihrer Sehnsüchte und Obsessionen nicht in der Lage, rational zu handeln. Der Privatdetektiv behält seinen Informationsvorsprung vor Derrick eigensinnig zurück, auch er handelt „auf eigene Faust“. Damit kennzeichnet der Titel der Folge auch eine Haltung, die ebenso eigensinnig wie töricht ist. Den größten Part hat Horst Frank in einer ihm auf den Leib geschriebenen Rolle: die des harten Kerls mit sichtbarer Emotion. Als ehemaliger Geldfälscher steckt er in der erbärmlichen Situation, in der Justizvollzugsanstalt festzusitzen. Derrick kann ihm seine Haftzeit verkürzen, wenn er in Freiheit Informationen weiterleiten kann. Was macht so ein vitaler Haudegen in Freiheit als Erstes? Natürlich feiert er eine Riesenparty mit viel und zu teurem Alkohol, leichten Frauen und alten Spießgesellen. Hier kann Horst Frank hinreißend aufdrehen. Zwar sehr hamburgisch, aber beeindruckend. Die Frau (Barbara Nielsen), die er mit auf sein Hotelzimmer nimmt, stellt sich als Köder der Mörder heraus. Er begreift das und stellt sie zur Rede. Hier ist Horst Frank in seinem Element. Wir sehen grandioses Schauspiel. Dass der betrogene Ex Sträfling dann durch die Hotelzimmertür erschossen wird, wirkt doppelt tragisch. Sein Lebenshunger ist ihm zum Verhängnis geworden. Die beiden jüngeren Mörder sind weniger eigenständige Charaktere als Auswüchse des Milieus. Sie sind Teil des düsteren Quartiers nahe der Kneipe. Die Umgebung wirkt betont wie eine Studiokulisse, erinnert mich unwillkürlich an die „The Avengers“-Folge „Escape in Time“. Gerade das grotesk künstliche verstört in dieser Welt des Verbrechens. Eine wichtige Figur fehlt noch, erst nach dreißig Minuten lernen wir sie kennen. Auf der großen Party hören wir plötzlich die Melodie des Straßenmusikers, der auch in persona dieses Fest betönen wird. Ton und Bild machen klar, dass etwas Wichtiges passieren wird. Horst Frank schaut zunächst ungläubig, dann ruft er mit entfesselter Freude den seltsamen Namen „Duktus!“. Ein alter derangierter Mann betritt den Raum. Da dieser von der großen deutschen Regie-Legende Helmut Käutner gespielt wird, begreifen wir, dass „Duktus“ eine zentrale Funktion in der Folge innehat. Duktus scheint krank zu sein. Er verträgt keinen Alkohol mehr, das heißt, früher hat er wohl fleißig gesoffen. „Duktus“ bezeichnet in der Kalligrafie die Strichführung. Er ist der geniale Geldfälscher, den alle suchen. Erstaunlich oft hat der Regisseur als Gastdarsteller in Krimiserien einen spezifischen Typen gegeben, der singulär in der deutschen Fernsehwelt war. Seine Verlierer-Typen haben eine Gemeinsamkeit: eine bis an die Spitze getriebene Erbärmlichkeit. Käutner, der auch eine kabarettistische Vergangenheit hatte, konnte seine Figuren mit Empathie und schwarzem Humor zu außerordentlich eindrucksvollen Gestalten machen. Duktus erzählt beispielsweise, dass sein Vater von Beruf Erfinder gewesen sei, der aber leider keine Erfindung gemacht hätte. Das ist typischer Käutner-Humor, so dass es mich sehr wundern würde, wenn nicht Käutner selbst die Idee beigetragen hätte. Er selbst, so Duktus, hätte es mit seiner kalligrafischen Begabung nur zum Geldfälscher gebracht. Dass die jüngeren Kollegen der Branche auch morden, nehme ihm die Freude an der Arbeit. Als er am Ende Oberinspektor Derrick gegenübersteht, lacht er kurz auf. Seine Enttarnung scheint ihm egal zu sein, im Knast ist es wohl auch nicht schlechter als in Brynychs Filmwelt. In der Vorliebe für die Darstellung des Erbärmlichen und der dazu angewandten grotesken bis schwarzhumorigen Mittel treffen sich Zbyněk Brynych und Helmut Käutner erstaunlich nah. Ihre Figuren sind trotz des Humors keine Witzfiguren. Sie haben Würde gerade deshalb, weil sie durch ihre Sehnsüchte oder gar Triebe Menschen sind, die Empathie verdienen. Gerade weil Brynych und Käutner ihre Figuren nicht schonen, gewinnen diese eine eigentümliche Würde.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.