Die großen Aufregungen anlässlich eines Serien-Starts
Verrisse des Feuilletons, unzufriedenes Fernsehpublikum, Frustration der Macher – das war 1974 der katastrophale Start für eine neue Krimiserie mit dem Titel „Derrick“. „Waldweg“ hieß die erste Folge, heute unter manchen einschlägigen Fans eine Kultfolge. Das aggressive Feuilleton hatte in einigen Punkten berechtigte Kritik, in anderen schoss man lustvoll über das einfach zu treffende Ziel hinaus. Dem Publikum wurde in der Tat viel zugemutet; die Macher hatten sich in mancher Hinsicht vergaloppiert. Es muss viel sortiert werden, um die unterschiedlichen Sichtweisen zu verstehen und der Folge gerecht zu werden. Mit zeitlicher Distanz aber erscheint es plausibel, dass die Geburt einer 281 Folgen umfassenden neuen Fernsehkrimiserie nicht ohne Komplikationen abgehen konnte. „Der Kommissar“ hatte bewiesen, dass eine spezifisch deutsche Spielart einer Krimiserie funktionieren konnte. Es waren komplexe Geschichten, die mit meist erheblich mehr Figuren als in amerikanischen Krimiserien dem klassischen Drama bis fast hin zur Tragödie oder Tragikomödie näher waren. Action war niemals Selbstzweck, präzises Schauspiel war der Pfeiler des Fernsehspiels. Fast unabdingbar, dass das Ermittlerteam dahinter bescheiden zurückblieb – anständige, gutmütige und unprätentiöse Bürger. Nein, nicht als Spießer. Denn der Humanismus der Ermittler forderte immer eine Offenheit, nämlich die Bereitschaft, das Drama der handelnden Figuren zu verstehen. Man sollte nicht unterschätzen, dass „der Kommissar“ eine Toleranz vorgelebt hatte, die gesellschaftlichem Wandel um 1970 Verständnis entgegenbrachte. Heinz Rühmanns Erfolg mit dem Kinofilm „Es geschah am hellichten Tage“ deutete das bereits an, auch der dem Kommissar in mancher Hinsicht ähnliche Tatort-Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) war ein Publikumserfolg. Außerdem benötigten Zuschauer einen Hort der Sicherheit und Ruhe im Drama. Das konnte das vertraute Büro sein oder die bekannten Charaktere (deshalb funktionierte der amerikanische „Colombo“ (Peter Falk) auch so gut). Horst Tappert hingegen hatte das Image des schroffen Gangsters. 1974 war der Straßenfeger „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ (1965) noch sehr präsent im kollektiven Gedächtnis - Tappert als Posträuber. Im Januar wurde der Edgar Wallace-Film „Der Hund von Blackwood Castle“ zum ersten Mal im Fernsehen ausgestrahlt – mit Horst Tappert als raubeinigen Kriminellen. Selbst wer Tappert in vier Inspektoren-Rollen im Kino gesehen hatte, hatte einen Krawall-Ermittler in Erinnerung. Da wurde den Zuschauern, die doch ein „Kommissar-Drama“ erwarteten, mit dem unruhigen Ermittler einiges zugemutet. In der ersten Folge gibt es zudem kaum das Polizeibüro als Hort der Sicherheit. Nun gut, man wollte ja einen neuen Typ etablieren. Allerdings hatte Herbert Reinecker unterschätzt, dass seine Dramen kaum Spielraum für eine ausladende Charakterisierung eines Oberinspektors ließen – da ist Kritik durchaus berechtigt. Und Produzent Helmut Ringelmann und auch Horst Tappert selbst waren viel zu konventionell deutsch geprägt, um eine „moderne“ Figur nach amerikanischem Vorbild zu kreieren. In Tapperts Autobiographie wird diesbezüglich eine fragwürdige Selbsteinschätzung offenbar. Dass die „Derrick“-Serie die erste Lebensphase nach der Geburt übersteht, ist weniger Tappert als der Qualität der Geschichten mit exzellenten Darstellern zu verdanken. Über viele Folgen mutiert Oberinspektor Derrick in einem zwangsläufigen Prozess aber nicht zu einem Kommissar Matthäi, Keller oder Finke, sondern zu einer fast entmenschlichten Stilisierung dieses Typs. Für Reineckers Arbeit sollte sich das als so passgenau erweisen, wie es Horst Tapperts Spielambition entgegenkam. 1974 konnte der Zuschauer Derrick als Ermittlerfigur noch nicht vertrauen. Dazu fehlte ihm die Stabilität eines Colombo. Das macht die Unzufriedenheit des Fernsehpublikums nachvollziehbar. Dass „Derrick“ vielmehr einen energischen Bürger als einen - auch im internationalen Vergleich - rauen Individualisten abgibt, ist berechtigte Kritik, wenn man die erklärten Ambitionen der Macher ernst nimmt. Wobei der energische Bürger mit einem Quantum Aggressivität keine ganz uninteressante Figur ist. Als vierte Folge gedreht, als Pilotfolge ausgesucht, ist die Folge an sich ausgezeichnet. Für Stammzuschauer des ‚Kommissars‘ musste ‚Waldweg‘ wie ein Schock wirken. Dass „Derrick“ im Gegensatz zu „Der Kommissar“ und vielen anderen Krimis der Vergangenheit in Farbe ausgestrahlt wurde, befremdete damals viele Zuschauer hinsichtlich ihrer Sehgewohnheiten bei Krimis. Die düstere Moor- und Waldlandschaft, hervorragend von Manfred Ensingers Kamera eingefangen, ist nicht mehr die schwarzweiße Fantasiewelt früherer Krimis, sondern ein realer, farbiger Schauplatz. Paradoxerweise macht gerade diese realistischere Farbigkeit die Stimmung schon zu Beginn düsterer als erwartet. Doch das Verbrechen selbst übersteigt schlimmste Erwartungen. Regisseur Dietrich Haugk zeigt den Mord in einem stilisierten Naturalismus: das angstverzerrte Gesicht des Opfers, das psychotische Mienenspiel des Mörders und dessen Mutter, die im Nebenraum eingeschlossen verzweifelt gegen die Tür schlägt, um den Mord zu verhindern. Wir erleben das intensiv in Slow Motion, ohne Ton, stattdessen mit einem aktuellen Pop-Hit, vielleicht ein Lieblingslied des Opfers. Sollten dem härteren Ermittler entsprechend härtere Verbrechen zur Aufgabe gemacht werden? Einmal pro Monat zum Wochenendstart am Freitagabend? Das ZDF schnitt diese Szene nach der Erstausstrahlung heraus. Auch Autor Reinecker war unzufrieden, er hatte die Mordszene im Buch gar nicht vorgesehen. In den kommenden zwei Jahren sollten noch weitere Proteste gegen die Serie kommen. Die schreckliche Intensität der Mordszene hat auch zu einem guten Teil Wolfgang Kieling zu verantworten, denn seine verstörende Mimik ist von beispielloser Eindringlichkeit. Wir sehen einen Menschen, dessen triebhafte Manie ebenso stark ist wie sein Kontrollverlust; einen, den man bedauern würde, wären seine Taten nicht so entsetzlich. Höhepunkt der Gefühlsdiskrepanz ist die beklemmende Szene mit Lina Carstens als traumatisierte Mutter des Mörders. Sie hat die Morde im Nebenzimmer miterlebt. Bei einer Zeugenbefragung im Haus des Lehrers bittet dieser seine schweigende Mutter, nicht nur Derrick, sondern auch ihm ein Bier zu geben. „Mutter, bitte gib mir ein Bier.“ Sie will eigentlich nicht, er sieht sie beschwörend an, sie tut es. Da läuft es einem kalt den Rücken herunter. Weitere Figuren der Folge zeigen stoische Ignoranz oder Hilflosigkeit bis hin zur Blamage. Zeuge Walter Sedlmayr als Kioskbesitzer sagt in ekelhafter Ignoranz, ihm wäre das Schicksal der Mädchen egal, Friedrich Georg Beckhaus als Bahnmitarbeiter kann nichts machen. Neben Karl Lieffen spielt Herbert Bötticher einen Lehrer, dessen Lüsternheit im Kontrast zum Mörder eher peinlich als gefährlich erscheint. Nicht nur der Mörder verstört, fast alle Figuren versagen auf unterschiedliche Weise. Interessant ist auch die musikalische Gestaltung der ersten Folge dieser neuen Serie. Nicht Ringelmanns Stammkomponist Peter Thomas, sondern Les Humphries hatte die Titelmusik geschrieben. Les Humphries galt damals als zeitgemäßer Musikproduzent, seine „Les Humphrie Singers“ waren schon in einer Szene im Kommissar zu sehen gewesen. Die zweiteilige Titelmelodie scheint Programm für die Serie zu sein: ein schnelles hartes Opening etabliert Krimiklischee, dann wird dieses Thema nach kurzer Zeit abrupt durch eine melancholische Moll Melodie in neuer Tonart im ¾-Takt abgelöst. Man könnte meinen, „Psychologie“ statt Action sei hier programmatisch angekündigt. Da man als wirkungsvollen Sound zum Mord den Song „My Coo Ca Choo“ von Alvin Stardust einsetzte, bleibt für Peter Thomas nur noch atmosphärische Musik, die den düsteren Bildern vom Moor unterlegt ist. Darauf war Thomas spezialisiert: in den „Moor-Krimis“ „Das Wirtshaus von Dartmoor“ (1964), „Der Hund von Blackwood Castle“(1968) und „Der Kommissar: Der Moormörder“ (1970) hatte er das schon erprobt. Seine bizarren Funk Pattern entfalten in „Waldweg“ eine seiner unheimlichsten Wirkungen. So gut das war, Peter Thomas wurde nur für die illustrative Zwischenmusik gebraucht. Seine Qualitäten werden in der „Derrick“-Serie allmählich immer weniger zum Tragen kommen. Dass die Debüt-Folge Kritik einstecken muss, ist hinsichtlich des Ehrgeizes der Macher, einen neuen kosmopolitischen Ermittler zu etablieren, verständlich - wenn auch nicht in dem überbordenden Maße, wie es das bissige Feuilleton tat. Denn die Qualität von Buch, Inszenierung und Darstellung war schon damals unübersehbar. Verständlich auch, dass das damalige Publikum den Kontrast zu seinen Sehgewohnheiten erst einmal verdauen mussten. Immerhin, Aufregung löst auch Interesse aus. Neugierig war man schon, was die neue Serie künftig bieten würde. Und Qualität konnte Helmut Ringelmann schon in Derricks Findungsphase zuverlässig bieten, manchmal herausragende, so wie schon in „Waldweg“.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.