Nostalgie mit den Inspektoren Tappert und Drache
1967 entstand der hysterische Edgar-Wallace-Reißer „Der Hund von Blackwood Castle“. Unter der Regie von Alfred Vohrer hatte Heinz Drache als „Humphrey Connery“ seinen letzten Kinoauftritt, Horst Tappert als „Douglas Fairbanks“ seinen ersten Kinoauftritt unter Vohrers Regie. War das aufregend! 12 Jahre später treffen sich der Regisseur und die beiden Hauptdarsteller für die „Derrick“-Folge „Das dritte Opfer“ wieder. Nostalgische Gefühle kommen auf. Aber die Herren sind inzwischen weit über fünfzig und lassen es ruhiger angehen. Bevor Heinz Drache sich in die aus seiner Sicht unglückliche Arbeit als Tatort-Kommissar von Bülow stürzt, erscheint er zwischen 1968 und 1985 nicht in Film und Fernsehen – außer in zwei Krimi-Folgen - „Der Alte – Verena und Annabella, 1977) und in dieser - beide von Vohrer inszeniert. Für Vohrer stand Heinz Drache bereits vor langer Zeit sieben Mal vor der Kamera. Das will etwas heißen, denn der von seinem Niveau überzeugte Drache kam nicht immer gut mit Regisseuren aus. Auch Horst Tappert schwor auf den Schauspieler-Regisseur Vohrer, mit dem Tappert bereits sechs Kinofilme hinter sich hatte. 1962 mussten Drache und Tappert in ihrer ersten gemeinsamen Arbeit, dem klassischen Straßenfeger „Das Halstuch“, noch ohne Vohrer auskommen. Überhaupt gibt es erstaunliche Parallelen zwischen Tappert und Drache: Beide sind in etwa gleich alt, haben eine glorreiche Theatervergangenheit, arbeiten akribisch, erwarten von Kollegen ebensolche Akribie und sehen sich in Eigenwahrnehmung als englisch wirkende Gentlemen. Anders, als etwa Götz George oder Joachim Fucksberger, haben sie an Körperlichkeit oder gar Action kein Interesse. Da auch für Alfred Vohrer die Fernseharbeit mühelose Routine auf hohem Niveau geworden ist, dürfen die drei es sich in „Das dritte Opfer“ gemütlich machen. Horst Tappert darf Urlaub in den bayerischen Alpen machen. Er besucht Kurkonzerte, lauscht den Klängen von Franz von Suppés „Leichte Kavallerie“ und gönnt sich abends einen Whiskey – natürlich in feinstem Zwirn. Das wäre aber selbst Derrick zu langweilig. In seinem Element ist er erst, wenn er mit einer Urlaubsbekanntschaft (Lambert Hamel) über das Thema „Rechtfertigung für Mord“ sinnieren darf. Nein, das ist noch nicht das tiefsinnige Philosophieren späterer Folgen, hier ergibt das dramaturgisch durchaus Sinn. Durch seine eigentümliche Präsenz hinterlässt Lambert Hamel sofort einen nachhaltigen Eindruck. Seine Physiognomie wirkt im noblen Anzug nicht stimmig, auch die Diskrepanz aus Bestlaune und Bedürfnis nach Gesprächen über das Thema Mord gibt Rätsel auf. Er zeigt sich seiner (zu) jungen Freundin (Jutta Speidel) gegenüber grotesk spendabel. Grosser wird abends durch einen Schuss von außen in seinem Hotelzimmer ermordet. So der vielversprechende Auftakt zu dieser Folge. Herbert Reinecker gestaltet den weiteren Handlungsverlauf angenehm für Drache und Tappert. Die Schauplätze liegen nicht in heruntergekommenen Gangstermilieus, sondern vor allem in der komfortablen Villa von Grossers Schwager Martin Dorp (Heinz Drache), samt Tennisplatz für die jüngeren Familienmitglieder. Anders als in der hysterischen Atmosphäre von Blackwood Castle ist hier alles freundlich und entspannt. Kultivierte Dialoge, zu trinken gibt es auch. „Lauter nette Leute“ stellen Derrick und Harry Klein fest. Kein Mordmotiv in Sicht. Um die Starre auszugleichen, nutzt Alfred Vohrer Rezepte aus der Vergangenheit. Zooms und Reißschwenks bringen Bewegung in die Story. Das funktioniert auch gut, Wallace-Nostalgie stellt sich ein. Aber Heinz Drache muss als fähiger Gründgens-Schauspieler noch etwas Stoff bekommen, und so beschert Reinecker ihm einen fulminanten Schluss mit eindrucksvoller Rückblende, in der der Horror der Vergangenheit gezeigt wird. Grossers Schwester, die inzwischen verstorbene Frau von Dorp, ist schwer krank. Sie macht mit entsetzlichen Lauten ihrem Mann das Leben zur Hölle. Drache bringt die Verzweiflung genauso überzeugend zum Ausdruck wie die Enttarnung als Mörder. Doch bei allen nostalgischen Anmutungen vergisst man schnell die weibliche Hauptdarstellerin Jutta Speidel. Ab den späten 1970er Jahren, besonders in den 1980er Jahren, wirken junge Menschen in Derrick-Folgen auffallend häufig auf eine eigenartige Weise künstlich. Sie sind – anders als noch in der „Kommissar“-Serie – weniger authentische Menschen ihrer Zeit als vielmehr Projektionen, gesehen durch die Brille der in die Jahre gekommenen Macher. Nichtsdestotrotz – „Das dritte Opfer“ unterhält ganz ausgezeichnet. Und am Ende kommt ein Gedanke. Hätte Heinz Drache sich nicht so ausschließlich auf seine Theaterarbeit zurückgezogen, bei seinen Tourneestücken auch selbst noch Regie geführt, um noch autarker zu sein, vielleicht hätte er wie sein Pendant mit denselben Voraussetzungen auch eine Art Derrick sein können. Im Reinecker/Ringelmann/Vohrer-Kosmos hätte er eine passendere Heimat gefunden als im ARD/Tatort-Milieu der 1980er Jahre.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.