Und jetzt alle: „Theo, wir fahren nach Lodz“!
„Der aussieht, als ob er sich in die Hosen geschissen hätte!“ So eröffnet Gert Haucke als Häftling Albert Ross in der Justizvollzugsanstalt die Derrick-Episode „Alarm auf Revier 12. Alles klar, wir bekommen eine Ahnung, in welchen Sumpf wir gerissen werden. Im weiteren Verlauf der Folge bohrt sich der Vicky Leandros-Schlager „Theo, wir fahren nach Lodz“ unaufhörlich in unsere Ohren. „Theo, wir fahren nach Lodz“ erklingt auch, wenn im späteren Verlauf der Folge die Einbrecher sich dem Rausch der Selbstüberschätzung hingeben. Während eines Einbruchs verwandeln die Täter das Schwimmbad der Villa kurzerhand in ihre Privatparty. Die dummdreisten Kriminellen setzen sich Badekappen auf und lassen es sich im Luxus-Pool gut gehen. Albert Ross entkleidet sich sogar völlig, bevor er ins Becken springt. Eine spritzige Folge! Gert Haucke tatsächlich nackt! Ernster wird es im Bier-Lokal. Wie in einem Western-Saloon werden schweigend Posen der Stärke durch das bedrohliche Aneinanderschlagen von Billard Kugeln vorgeführt. Dazu erklingt „Theo, wir fahren nach Lodz“. Kaum verstummt das Lied, setzt es schon wieder ein: „Theo, wir fahren nach Lodz“. Und kurze Zeit später: „Theo, wir fahren nach Lodz“. Der Inhalt des Schlagers steht in keinem Zusammenhang mit der Story. Er ist nichts als Soundtrack einer Welt, die sich ihre eigene Trostlosigkeit mit Unterhaltung übertönt - akustisches Gefängnis dieser Figuren. Sie kommen aus ihrer Welt nicht heraus – und wir kommen aus „Theo, wir fahren nach Lodz“ nicht heraus. Ungemütlicher ist es bei der Familie Albert Ross daheim. Hier hört man keine Musik. Der entlassene Sträfling besteht auf die Illusion einer bürgerlichen Familie. Seine Frau und seine Tochter müssen in ständiger Angst die Unterdrückung ertragen. Der Vater erwartet von seiner Frau eine perfekte Haushaltsführung. Den gut gewachsenen Oberkörper der Tochter wertet er als deren hoffnungsvolles Kapital. Ganz angespannt wird es, als der Freund der inzwischen erwachsen gewordenen Tochter eintrifft. Ross kann schnell beweisen, dass der ein Waschlappen ist. Zunächst muss der Waschlappen dem Vater einmal den Inhalt seines Portemonnaies vorzeigen. Danach geht es in die Kneipe, um den Schwiegersohn in spe besoffen zu machen und ihn als Komplizen zu einem Einbruch mitzunehmen. Der Kater am nächsten Morgen ist entsetzlich. Nichts, wie jetzt schnell aus dem Haus in eine Telefonzelle, um die Polizei zu verständigen. Doch das gelingt nicht mehr, Ross knallt den jungen Mann aus einem fahrenden Auto ab. In der Kneipe nebenan will niemand etwas mitbekommen haben. Der stoisch ignorante Wirt (Walter Sedlmayr) kann der Polizei nicht helfen. In der Kneipe geht alles seinen gewohnten Gang. Es erklingt „Theo, wir fahren nach Lodz“. Kein Zweifel, diese Folge hat Zbyněk Brynych inszeniert. Die unbändige Lust am Schildern einer sich nach Bürgerlichkeit sehnende Unterschicht (das ist es in diesem Fall) sucht ihresgleichen im deutschen Fernsehen. Es ist fast ein Wunder, dass seine exaltierten Inszenierungen ihren festen Platz in Helmut Ringelmanns Erfolgskrimiserien haben. Und nicht alle Krimifans teilen das Vergnügen an der Farce. Die Sinnlosigkeit der Musik und die schnellen Schnitte von Bildern, die nichts als Beton zeigen, sind letztendlich lustvolle Stilmittel, um ein Milieu bleierner Verlorenheit aufzuzeigen. Im Gegensatz etwa zu Alfred Vohrer arbeitet Brynych mit wechselnden Darstellern von Folge zu Folge. Und die erhalten zumeist ein vorzügliches Forum für ihre Darstellungskunst. Hier ist zuerst Gert Haucke zu nennen, der eine hinreißende Performance abliefert. Aber auch kleinere Rollen funktionieren perfekt, wie zum Beispiel Ex-„Kommissar“ Gattin Rosemarie Fendel als Ehefrau und Mascha Gonska als Tochter. Heinz Werner Kraehkamp, Jan Groth und Kurt Zips als kriminelle Schergen werden zu Ikonen krimineller Dummheit. Frühe bayerische Verwandte von Quentin Tarantinos kriminellen Figurenwelten. Am Ende verlässt Albert Ross sein Milieu und tritt in Derricks Welt ein: eine vergleichsweise elegante Bar, in der nicht Bier, sondern teurer Whiskey getrunken wird. Ohne Musik. Hier ist Ross offensichtlich nicht zu Hause. Anzug und Krawatte sitzen nicht gut, das Gesicht ist auffällig verschwitzt. In Derricks Welt versagt seine vermeintliche Gerissenheit krachend, Ross wird verhaftet. Eine großartige Folge für die, die sich gemeinsam mit Zbyněk Brynych amüsieren wollen. „Theo, wir fahren nach Lodz“!
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.