Derrick - Angst (1976, Folge 18)

Geringe Mittel, großes Drama 

Zwischen aktionsreichen Derrick-Folgen versteckt sich das Kammerspiel „Angst“ mit im Grunde genommen nur zwei Darstellern: Hans-Dieter Zeidler als dominanter Kotzbrocken Dr. Hertel und Heidelinde Weis als dessen ängstlich verunsicherte Ehefrau. Die Handlung spielt sich zum größten Teil lediglich in der eleganten Wohnung des ungleichen Ehepaares ab. Auf Musik (außer der Titelmusik, die Grädler auch in der Folge kurz aufblitzen lässt) wird verzichtet. Die reduzierten Mittel mögen Krimifans zunächst enttäuschen, dafür entfaltet sich eine hochklassige Tragödie. Dr. Hertel ist der Inbegriff des abstoßenden Chefs. Gewohnt, seinen Willen durchzusetzen, ist er ein schlechter Zuhörer und zu keiner Empathie fähig. Selbstverständlich hat er auch keine äußeren Vorzüge: in die Jahre gekommen und speckig geworden, ist seine Körperpräsenz betont abstoßend. Doch er hat Geld und leistet sich eine junge Geliebte (Uschi Glas). Als er erfährt, dass sie inzwischen einen sehr viel passenderen Geliebten (Bernd Herzsprung) hat, verliert Hertel die Fassung und erwürgt die Geliebte im Affekt. In der nun ablaufenden Folge versucht er, den Mord zu vertuschen. Und dazu braucht er seine Ehefrau. Hans-Dieter Zeidler trifft nuanciert jede Attitüde dieses Charakters. Das geht weit über bloßes Chargieren hinaus, denn sein Dr. Hertel muss sich in immer neuen Situationen der Figur gemäß verhalten. Er bittet seine Frau um ein Alibi, er droht ihr, er schenkt ihr Blumen, er ignoriert sie – all das macht den Reiz der Folge aus. Hier ist Autor Herbert Reinecker zuhause. Schon in „Ein Alibi zerbricht“ (1963) gestaltet er mit perfekter Folgerichtigkeit die Ehegeschichte als ein zwangsläufiges Crescendo in die Katastrophe. Fern von Pulp ist Regisseur Theodor Grädler im Ringelmann-Krimi-Kosmos der vielbeschäftigte, aber unauffällige Garant von sauberen Dramen. Seine Folgen sind bei aller Nüchternheit stets überzeugend inszenierte Dramen. Die darstellerische Leistung von Heidelinde Weis als Ehefrau stellt alles in den Schatten. Als Franziska hat sie längst schon die titelgebende Angst vor ihrem cholerischen Mann, noch bevor sie zu ahnen beginnt, dass dieser einen Mord begangen hat. Dass der eine Geliebte hatte, schluckt sie nebenbei. Ihr emotionaler Ausnahmezustand ist von Anfang an so hoch, dass jede Regung verstärkt hervorbricht, ob sie bedroht wird, beschenkt wird, beschimpft wird, als Besitzerin eines Beweisstückes Oberwasser bekommt oder zynisch wird. Heidelinde Weis ist in der Lage, impulsive Emotionen abzufeuern oder blitzschnell abzubrechen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein hilfloses Lachen der Befreiung, das sie im selben Moment schuldbewusst wieder zurücknimmt. Die Authentizität ihres Spiels hätte ich gern mal im Theater gesehen – nachdem ich sie in „Angst“ erlebt habe. Am Ende unterschätzt sie ihren Mann und findet den Tod. Ihre Angst überträgt sich jetzt auf Dr. Hertel, wenn Derrick seinerseits bei der Überführung von einem ungewöhnlichen Ausbruch des Angewidertsein überwältigt wird. Die Folge „Angst“ zeigt die Kernqualitäten aller Beteiligten. Mit solch scheinbar wenig schillernden Folgen konnte das Niveau der Serie dauerhaft stabilisiert werden. Action wurde woanders mit Verve produziert. Deshalb prägt gerade eine Folge wie „Angst“ den international geschätzten Charakter der Serie.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.