Derrick - Kamillas junger Freund (1975, Folge 13)

Eine Vitaminspritze gegen enttäuschte Erwartungen 

In seiner Autobiographie lässt uns Horst Tappert wissen, dass er die Idee hatte, seinen Lieblingsregisseur Alfred Vohrer für Folgen der Derrick-Serie zu verpflichten. Auch wenn das wohl kaum Tapperts alleinige Idee war, bestand eine enge Verbindung zwischen Regisseur und Darsteller. Die beiden hatten schon sechs gemeinsame Kinofilme hinter sich. Vohrer machte Tappert in vier dieser Filme zum polizeilichen Ermittler. Das Team hatte also schon eine gewisse Übung. Nach zwei Edgar-Wallace-Filmen war Tappert der schroffe Inspektor in „Sieben Tage Frist“ und der Exploitation-Knaller „Perrak“ wurde direkt auf Horst Tappert als Hamburger Inspektor der Sittenpolizei zugeschnitten. Gerade diese Rollen wirken im Nachhinein wie eine Etüde zum Thema harter Polizist, der ja Derrick ursprünglich sein sollte und dürften Ringelmann gezeigt haben, welches Potenzial Tappert als Fernsehkommissar möglicherweise hatte. Auch Autor Herbert Reinecker kannte Vohrer gut. Nach ihrem gemeinsamen Kriminalfilm „Ein Alibi zerbricht“ (1963) hatten sie auch für sechs Edgar-Wallace-Filmen (darunter die bekannteste Verfilmung „Der Hexer“, 1964) gemeinsam gearbeitet. Und außerdem brachte Vohrer als kommerziell erfolgreichster Kino-Regisseur, unter anderem mit den Simmel-Verfilmungen, bestes Renommee in Sachen Publikumsunterhaltung mit. Nun stand also ein Wechsel vom Kino zum Fernsehen an. Und das Fernsehen – in diesem Fall Helmut Ringelmann – gab dem erfahrenen Kinomann opulente Möglichkeiten zur anstehenden Fernsehpremiere. Herbert Reinecker schrieb diesmal kein Buch, das sich mit moralischer Wucht auf ein Drama konzentriert, sondern eine geradlinige Story, einfach, vorhersehbar, aber mit vielen farbigen Episoden. Es mutet an wie eine breite Vorlage für den neuen Regisseur, der sich hier erstmals mit allen seinen Stärken präsentieren kann. Und Produzent Ringelmann stellt ein außerordentlich üppiges Darstellerensemble zur Verfügung, das allein quantitativ alles in den Schatten stellt, was bisher in einer einzelnen Derrick-Folge aufgeboten wurde. Vohrer galt nicht nur als Kino-Krimi-Experte mit Sinn für Spannung, sondern vor allem als „Schauspieler Regisseur“. Nicht selten äußerten sich Schauspieler, dass sie besonders gern mit Vohrer arbeiteten, weil Vohrer ihre Arbeit mit großer Präzision zum Erfolg führen konnte. Es fällt auf, dass Vohrers Derrick-Folgen in der Zukunft immer etwas opulenter besetzt sind als die Folgen seiner Kollegen. Über alte Wallace-Filme und Simmel-Filme bildete sich ein höchst effizienter Stamm von Schauspielern um den Regisseur, die immer wieder in dessen Film- und Fernseharbeiten auftauchen sollten: Karl Walter Diess, Hans-Georg, Pancak, Siegfried Wischnewski, Bruno Dallansky, Gerd Böckmann, Konrad Georg – um nur einige zu nennen. „Kamillas junger Freund“ beginnt den Erwartungen an den Wallace-Regisseur gemäß mit wehenden Vorhängen, maskierten Kriminellen und aufregender Musik (Erich Ferstl). Karl Walter Diess liefert erwartbar eine exzellente Performance als Krimineller. Luitgard Im spielt Kamilla, eine Ehefrau, die sich auf einen jüngeren Geliebten mit schäbigen Intentionen eingelassen hat. Wenn sie in einem Luxuslokal bei mondäner Musik, die Giallo-tauglich gewesen wäre, vergeblich auf den Betrüger wartet und dessen niedere Absichten durchschaut, wird das zu einer eindrucksvollen Szene. Dieser wird von Gerd Böckmann hinreißend als dumm-überheblicher Schmierenkomödiant dargestellt, wenn er zum Beispiel als Beruf „Artist“ angibt. Und schließlich möchte ich neben vielen weiteren darstellerischen Kabinettstückchen noch Albert Bessler erwähnen, dessen bizarr wirkende Physiognomie so wie einst in mehreren Wallace-Filmen in einer kleinen Schlüsselrolle zur Geltung kommt. Der hagere Schauspieler hat in „Kamillas junger Freund“ seinen letzten Filmauftritt. Vergleichsweise wirken die drei (!) Morde in dieser Derrick Folge härter als üblich und die Episoden münden darüber hinaus in einer spannenden Schießerei. Die Härte von Vohrers weiteren Folgen sollten dem Produzenten in den kommenden zwei Jahren noch Probleme bereiten, doch dazu an anderer Stelle mehr. „Derrick“ hatte bisher die Erwartungen auf Publikumserfolg nicht erfüllt, vor allem im Vergleich zu der ungemein beliebten „Kommissar-Serie“. Ringelmann gab der Serie mit der Person Alfred Vohrer jetzt eine Vitaminspritze. Das Ergebnis ist aufgrund der einfachen Story noch nicht auffällig und doch zeigt sich der Weg der Genesung. Alfred Vohrer wird federführender Regisseur der Serie werden. Mit der Kombination Reinecker-Vohrer reicht die Kontinuität des bundesdeutschen Unterhaltungskinos vergangener Tage unmittelbar in die Gegenwart und Zukunft des Fernsehens hinein. Bis zu ihrem Tod werden Reinecker, Vohrer, Ringelmann (und Tappert) das bundesdeutsche Unterhaltungsfernsehen prägen, weit über Derrick hinaus. Das ZDF, damals viel offener für hemmungslose Unterhaltung als die ARD, konnte sich dafür auf das hohe handwerkliche Niveau seiner Spezialisten verlassen. Mit „Kamillas junger Freund“ startet fast unbemerkt ein Prozess im deutschen Fernsehen, der noch einige Zeit hervorragende Filme hervorbringt, aber später in den zunehmend standardisierten Mustern eines routiniert gewordenen Qualitätsfernsehens der 1980er Jahre enden wird.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.