Derrick - Das absolute Ende (1986, Folge 140)

 Gedankenschwere Fiktion und einschneidende Realität 

In einer Phase, in der sich Derrick zunehmend in professioneller Routine eingerichtet hat, erleben wir eine außerordentlich erschreckende Folge, die – so könnte man einmal die Klischeeformel benutzen, „das Blut in den Adern gefrieren lässt“. Der Titel der Folge ist unheilvolles Programm, wenn auch nicht inhaltlich. „Das absolute Ende“ wird in Reineckers spezifischer Gedankenwelt moralphilosophisch aus dem Mordfall gedeutet. Für Außenstehende mögen solche Interpretationen wie der Wunsch nach bedeutungsschwerer Tiefe erscheinen - schwer nachzuvollziehen, außer natürlich für Oberinspektor Derrick, der nicht mehr nur Beobachter großer Moraltragödien ist, sondern inzwischen selbst die Moralinstanz verkörpert. Egal, gönnen wir den alten Männern, ein paar Sachen rauszuhauen, die sie sich nicht verkneifen können. Denn ansonsten bietet die Folge mehr interessante Ideen als zur Entstehungszeit bei Derrick üblich. Nun gut, die Ausgangssituation mag mit der Darstellung eines ätherisch gutherzigen Opfers und eines altruistischen Musiklehrers noch dem Wunsch nach Tiefsinn geschuldet sein. Doch mit Michael Heltaus hervorragender Darstellung eines ebenso dekadenten wie melancholischen Schickeria-Jetsetters gibt es dazu einen effektiven Kontrast. Am interessantesten ist aber die Familie des weiblichen Opfers: Günther Mack spielt mit Intensität den tief erschütterten Vater, Volker Kraeft den psychisch schwachen Onkel – der selbst in seine Nichte verliebt war – und Reinhild Solf dessen Ehefrau, unter deren kalter Oberfläche verzweifelte Konflikte toben. Aber die geheimnisvollste Figur der Familie ist ein Onkel, der von der Umwelt abgeschirmt im Haus nebenan wohnt. Dass es sich nicht lohne, diesen zu befragen, weil er geistig völlig verwirrt sei. Natürlich macht ihn das noch interessanter. Ein klein wenig verwandt mit Norman Bates Mutter in „Psycho“. Wir sehen den Onkel zweimal. Beim ersten Mal nur den stummen Tattergreis, der zu keiner Kommunikation fähig ist. Zitternd dahinsiechend. Später gibt es einen Plot Twist: auch der trauernde Vater wurde ermordet. Gerade am Leichenfundort eingetroffen, hört Derrick aus dem Nebenhaus entsetzliche Stimmgeräusche: der Onkel hat einen Anfall und stößt alptraumhafte Laute aus. Wir sehen ein todkrankes Antlitz. Sprache ist nicht mehr möglich. Der Onkel wird von Konrad Georg gespielt und die deprimierenden Filmbilder sind die letzten, die uns von Konrad Georg in Erinnerung bleiben. Kurz nach Dreharbeiten verstarb der Schauspieler. Er war der Schauspieler, den Alfred Vohrer in Film und Fernsehen am häufigsten besetzt hatte. Ab Mitte der 1970er Jahre allerdings in immer kleineren Rollen, was wohl auf Konrad Georgs massiven Alkoholkonsum zurückzuführen ist. Aber auch für Kettenraucher Alfred Vohrer ist „Das absolute Ende“ gekommen; er stirbt nach Dreharbeiten an einem Herzversagen. Mit Vohrers überraschendem Tod entsteht eine große Lücke im deutschen Unterhaltungsfernsehen. Nach dem federführenden Routinier von hoher handwerklicher Qualität wird die Auswahl an Regisseuren für Produzent Helmut Ringelmann beliebiger. Während Herbert Reinecker und Horst Tappert als Derrick in der Fiktion gedankenschwer darüber sinnieren, dass Mord das absolute Ende sei, stirbt außerhalb des Bildes eine Generation des bundesdeutschen Unterhaltungsfernsehens. Und am Tag der Erstausstrahlung erschüttert die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl Europa.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.