Derrick Zeichen der Gewalt (1975, Folge 8)

Gefährliche Jagd auf den Seewolf 

Pech für Derrick, aber so ist nun einmal das Leben eines Polizisten: hin und wieder bekommt man es leider doch mit harten Burschen zu tun. In diesem Fall mit dem „Seewolf“ persönlich, einem verwilderten Kraftpaket abseits der gesellschaftlichen Kontrolle. Üppiger Haarwuchs, Vollbart und athletischer Körperbau zeugen von Lebenshunger. Raimund Harmstorf als Hausmann ist die Idealbesetzung für den vitalen Gangster. Im Gefängnis hält es so einer nicht aus, deswegen beginnt die Folge mit einem spektakulären Ausbruch. Doch bevor Derrick zu Action gezwungen wird, bekommt er als Aufschub von Autor Herbert Reinecker eine Vorgeschichte geliefert, in der es wie gewohnt um Schuld und Moral geht. Anwalt Rieger (Joachim Bissmeier), der gezwungen wurde, den Ausbruch zu unterstützen, begeht aus schlechtem Gewissen Selbstmord. Auch wenn der drastische Ausweg Suizid etwas übertrieben erscheint, so entsteht doch ein schöner Kontrast zwischen dem Moralempfinden des braven Anwalts und der Gesetzlosigkeit Hausmanns. Hausmann sieht keinen Grund, nicht in sein Milieu zurückzukehren. Das ist eine halbseidene Bar mit Stripteaseeinlagen eines umwerfend erotischen Geschöpfs, das vom international erfolgreichen B-Film- und Erotikstar Sybil Danning verkörpert wird, aber von Ingrid van Bergen synchronisiert wird. Auch wenn alle sie sehen und bewundern dürfen, hat nur Hausmann das Recht, sie zu berühren. Das Begehren beiderseits ist tatsächlich aufrichtig und Hausmanns einzige verwundbare Stelle. Die vielleicht beste Idee dieser Folge ist, ihr eine Mutter (Erik Ode-Ehefrau Hilde Volk) – und damit Hausmann eine Art Schwiegermutter – zur Seite zu geben, die stoisch hinter der hedonistischen Verbindung steht. Sie bewundert Hausmanns Vitalität genauso wie ihre Tochter. An den beiden Frauen prallen Derricks Moralappelle gnadenlos ab. Bei ihnen haben Stephan und Harry so wenig Chancen wie Schuljungen bei den Popstars, deren Poster in ihrem Zimmer hängt. Alle Personen aus dem Barmilieu wissen, dass Hausmann sich hier versteckt. Der Barchef (Eric Pohlmann) hat das leidlich zu akzeptieren, der ältere Kellner (Rudolf Schündler) kann auch schon einmal prophylaktische Schläge kassieren, um seinen Mund zu halten. Auch die Helfershelfer beim Gefängnisausbruch sind Schergen, die es sich in der Bar gut gehen lassen und Hausmann bewundern. Es hilft nichts, hier haben Worte keine Chance. Hausmann folgt nur Instinkt, Kraft, Sexualität und Loyalität - fast scheint er die Natur selbst zu verkörpern, während Derrick für die Zivilisation steht. Und so kommt es am Ende zu ungewohnten Action-Szenen innerhalb der Serie, die auch einigermaßen funktionieren, obwohl hier niemand auf solche Spektakel spezialisiert ist. Regisseur Theodor Grädler, eigentlich Spezialist für psychologische Kammerspiele, muss das inszenieren. Autor Herbert Reineckers Fähigkeiten als Dramatiker bleiben bei Verfolgungsjagden ungebraucht. Am schlimmsten trifft es aber Horst Tappert, der sich bei den Dreharbeiten den Knöchel verstaucht und sich zukünftig lieber nicht solchen Gefahren aussetzen möchte. Seine Domäne sind nun einmal Dialoge mit Menschen, die trotz maroder Moral kultivierte Manieren haben. Um die anderen können sich besser Kollegen wie „Starsky & Hutch“, Theo Kojak oder Steve Heller kümmern.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.