Wünsche und Visionen versinken im Morast
Seit Arthur Conan Doyles Roman „The Hound of the Baskervilles“ (1901) war das Moor zum Klischee eines Schauplatzes für gruselige Krimiunterhaltung geworden. Deutsche Kriminalfilme der 1960er Jahre bedienten sich lustvoll an Sumpflandschaften im Dauernebel. „Das Wirtshaus von Dartmoor“ (1964) und der Jubiläums-Edgar-Wallace-Krimi „Der Hund von Blackwood Castle“ (1968) sind die wohl offensichtlichsten Beispiele dafür. Unabdingbar, weil ungemein effektvoll, musste eine Person im Morast versinken. Bevorzugt der Haupttäter. Als harte, aber gerechte Strafe. Herbert Reinecker wusste sehr gut, dass er dem Publikum zwischen all seinen Miniatur-Dramen gelegentlich ein pulpiges Krimi-Klischee anbieten musste. Neben „Der Moormörder“ könnte man auch „Traum eines Wahnsinnigen“ (1972), „Überlegungen eines Mörders“ (1972), „Sein letzter Coup“ (1974) und einige Derrick-Folgen so einordnen. Doch ließ sich die nebelgeschwängerte Sumpfkulisse aus englischen Fantasiewelten in eine wesentlich naturalistischere Krimiserie einbauen, die im gegenwärtigen Deutschland spielte? Kein Problem für Herbert Reinecker und Regisseur Wolfgang Becker, denn die beiden wussten das sinn- und effektvoll für das vorliegende Drama zu nutzen. Die Fantasie der Zuschauer wird angeregt, weil man den Morden nicht beiwohnen darf. Die erste Tote wird gefunden, den zweiten Mord kann man nur akustisch wahrnehmen. Im Gasthof hört man nachts die Schreie des Opfers in der Ferne. Das wirkt stärker als in Kinofilmen. Und wusste man im Kino noch, dass alles nur ein Gruselspaß ist, so wird es in der realistischen Welt ernst. Ich erinnere mich noch, wie auf dem Schulhof nach Fernsehausstrahlungen in den späten 1970er Jahren mit begeistertem Grinsen über „Der Hund von Blackwood Castle“ gesprochen wurde und wie ernst der Grusel in „Der Moormörder“ bei denselben Schülern wahrgenommen wurde. Kameramann Manfred Ensinger ließ nächtliche Bilder von kahlen Birken in der trüben Landschaft durch harte Kontraste fast expressionistisch wirken. Der krasse Gegensatz zum realistischen Milieu der Spielhandlung machte das Moor noch unheimlicher. Im direkten Vergleich zu den hervorragenden Schwarzweiß-Aufnahmen muten die Schauplätze des farbigen Edgar Wallace-Films „Der Hund von Blackwood Castle“ wie einfache Filmkulissen an. Das Moor ist der abgeschiedene Ort, an dem sich fern des modernen Lebens die konservativen Figuren wohl fühlen. Dr. Strobel (Charles Regnier) verbringt abseits seiner Klinik die freie Zeit bevorzugt zurückgezogen in einem Wochenendhaus am Moor. Gastwirt Hässler hat das Pech, ausgerechnet hier sein Lokal zu haben. Das Lokal läuft nicht gut, es kommen keine jungen Leute in diese einsame Moorgegend. Strobel will seinen Status bewahren, Hässler sein Lokal. Es wird ihnen nicht gelingen, Reinecker wird ihnen keine Zukunft zugestehen. Hässler wird sogar umkommen. Natürlich im Morast. Die Hoffnungen konservativer Männer werden 1970 zur Illusion. Die ältere Frau Steger (Hilde Hildebrand) hat ohnehin keine Zukunft mehr. Sie ist verdammt, als Küchenhilfe in dem einsamen Gasthaus am Rande des Moores ihre letzten Jahre zu fristen. Doch auch den aufbruchswilligen Figuren ist keine Zukunft beschieden. Die junge Sekretärin (Angelika Zielcke), nicht mit Äußerlichkeiten gesegnet, nimmt alles Geld, um in eine andere Welt zu kommen. Sie wird betrogen – und landet im Moor. Der Mörder Ulrich Strobel (Hartmut Becker) ist ein junger Mann, der verzweifelt von einem luxuriösen Leben träumt. Er schlägt den falschen Weg ein – und versinkt im Morast. Und schließlich ist da noch Frau Hässler (Louise Martini), die Frau des Gastwirts. Sie träumt von einem anderen Leben, will weg aus der tristen Ödnis. Ihre Rebellion besteht darin, das Radio laut aufzudrehen, sobald ihr Mann das Haus verlässt. Peter Thomas gestaltet die betont schrille Rockmusik als aufmüpfigen Sound, der einen schreienden Kontrast zur Moorlandschaft im Hintergrund bildet. Die Spannung zwischen Bedürfnis und Realität ist enorm. Besonders eindringlich ist der Moment, wenn sich in die wilde Musik die Schreie des Gastwirts mischen, der gerade im Moor erschlagen wird. Der Folge liegt ein klug aufgebautes Spannungsfeld zwischen den Figuren zugrunde. Drama ist bereits da, bevor die Handlung einsetzt, doch dem Zuschauer noch unbekannt. Das macht den Reiz der Folge aus: wir wollen verstehen, was da eigentlich los ist. Die Identität des Mörders ist Teil eines größeren Rätsels. Nach dem Prinzip des „analytischen Theaters“ lässt Herbert Reinecker die vorhandenen Spannungen immer weiter eskalieren, bis sie allmählich sichtbarer und verständlicher werden. Der Weg dahin verschafft Verwirrungen und Überraschungen: Warum trifft man den seriösen Arzt nachts in dem Anbahnungs-Lokal an? Warum trifft er sich nachts mit dem Gastwirt? Warum hatte das Mordopfer das einsame Gasthaus schon einmal aufgesucht? Durch Rückblenden wird immer klarer, dass wir es über den Mordfall hinaus mit Tragödien zu tun haben, die bewegend sind. Wenn die Sekretärin etwa im Amüsierlokal unter billiger Tanzmusik (Peter Thomas lieferte auch hier einen genial-ironischen Trivialsound) jeden Strohhalm ergreift, um aus der Einsamkeit in eine andere Zukunft zu fliehen, offenbart sich die Bitterkeit ihrer Lebenssituation. Die Handlung hat den Kriminalfall als eine Verkettung von Tragödien demaskiert. Und damit auch den Mörder. Wolfgang Becker inszeniert Reineckers Geschichte auf den Punkt. Manfred Ensinger gestaltet Bilder, die passgenau der Story dienen. Und die Musik von Peter Thomas ist hier nicht nur Untermalung, sondern funktional eingesetzt. Dass das Darstellerensemble erster Güte überzeugt, braucht kaum erwähnt zu werden. Die scharf umrissenen Charaktere der Figuren gaben den Darstellern eine hervorragende Plattform für erlesene Schauspielkunst. Nach 29 Kommissar-Folgen konnte sich Herbert Reinecker auf ein zweifellos kompetentes Team verlassen, das seinen Geschichten zuverlässig dienlich war. Gestehen wir Reinecker zu, sich aufrichtig von seiner Vergangenheit im NS-Regime distanziert zu haben, so ist seine pessimistische Sicht auf die gesellschaftliche Situation durchaus legitim: nicht nur die Träume der neuen Generation erweisen sich als Illusionen, auch die konservativen Haltungen führen zu Katastrophen. Das damalige aufbruchswillige Feuilleton wollte - und konnte – solche „Der Kommissar“ -Folgen nicht wertschätzen und degradierte sie zu einfachen Kriminalfällen, die nur oberflächlich betrachtet wurden. Für auf den eigentlichen Mordfall fokussierte Krimifans jüngeren Jahrgangs ist es sowieso schwierig, sich in historische Konflikte einzufühlen. Und deswegen scheint mir eine Würdigung dieser Folge notwendig zu sein. Ohne sie überbewerten zu wollen, ist im gestalterischen Zusammenspiel durchaus ein kleines Kunstwerk entstanden. Und so klug wie in „Der Moormörder“ war der klassische Schauplatz Moor bisher noch nicht für eine Kriminalgeschichte eingesetzt worden.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.