Francis Durbridge im deutschen Fernsehkrimi-Mehrteiler

Die elementare Form des Krimis wird zum Fernsehereignis Was macht einen Krimi aus? Naive Antwort: ein Mord, Ermittlungsarbeit, Auflösung. Und was ist spannend daran? Verschiedene Verdächtige, überraschende Indizien, vielleicht ein weiterer Mord – man wird zum Mitraten eingeladen. Anfang der 1960er Jahre werden in Westdeutschland viele so gedacht haben. Der Anteil an Haushalten mit Fernsehgerät stieg von 30 Prozent auf über 70 Prozent am Ende des Jahrzehnts. Eine Auswahl an Sendern gab es nicht, man nahm das Angebotene mit Interesse an. Heute Abend kommt ein Krimi! Die wenigsten Zuschauer hatten Patricia Highsmith gelesen oder eine Vorstellung davon, was ein Krimi jenseits des klassischen Ermittlungsrätsels sein konnte. Sie hatten ein naives, oder sagen wir besser elementares Bild dieses Genres. NDR, NWDR und dann vor allem WDR bedienten das Publikum fast alljährlich mit einem Krimi-Mehrteiler, der genau diese Erwartungen erfüllte. Es wurden alljährlich Krimis produziert, die nichts anderes sein wollten als eben Krimi. Nacktes Urbild einer Kriminalgeschichte. Die Vorlagen der Klassiker taugten wenig dafür. Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes-Geschichten waren zu kurz und zu sehr in die Jahre gekommen; Edgar Wallaces pulpige Obsessionen gehörten dem Empfinden nach ins Kino; Agatha Christies Vorlagen waren zu verästelt. Francis Durbridge hingegen konnte mit zeitgenössischen und schnörkellosen Drehbuch-Vorlagen dienen; seine Storys wurden auch in England und Italien als Fernsehmehrteiler umgesetzt. Durbridges Kriminalromane entsprachen dem Grundmodell dessen, was man sich unter einer Mordgeschichte vorstellen konnte. Wer ist der Mörder? Um Überblick zu behalten, gab es schon in den Goldmann-Taschenbüchern ein Personenregister für den jeweiligen Durbridge-Roman. Man liest typisch englische Namen, dahinter steht in der Regel der Beruf. Arzt, Fotograf, Friseur, Gebrauchtwagenhändler oder Lehrerin, Fotomodell oder Schauspielerin. Meist im leicht gehobenen Milieu eines sicheren Bürgertums, selten im sozial schwachen und ebenso selten im aristokratischen Milieu. Oberflächliche Charakterzüge müssen genügen. Für eine tiefere Charakterisierung bleibt bei britischer. Zurückhaltung kein Raum. Und somit unterscheiden sich die Akteure lediglich durch ihre Aussagen, ihr Verhalten und ihre Handlungen. Und vor allem, ob diese oder jene Person ein Alibi hat. Drama gibt es kaum, höchstens situative Konflikte. Die Story ist vielmehr ein Spiel mit Figuren. Doch Vorsicht! Dieses Spiel funktioniert nicht nach dem Prinzip folgerichtiger Logik. Das wäre ermüdend, da könnte man auch ein Kreuzworträtsel zur Hand nehmen. Der elementare Baustein ist die Präsentation von Überraschungsmomenten. Was? Das Halstuch, das der Mörder gebrauchte, findet sich im Geigenkoffer des Musikschülers? Der Vikar und der Geschäftsmann kennen sich persönlich? Das Fotomodell findet man als nächstes Mordopfer? Das alles ist sehr aufregend, wenn man sich darauf einlässt. Die besten Sensationen dienen am Ende einer Folge als Cliffhänger. Das kann ein Gegenstand sein, der in einem völlig unvermuteten Zusammenhang auftaucht; das überraschende Auftauchen einer unerwarteten Person oder aber die Entdeckung des nächsten Mordopfers. Dazu gibt es ausnahmsweise sogar etwas Filmmusik. Durbridges lästige Arbeit beim Schreiben dürfte darin bestanden haben, die Verblüffungsideen nachträglich wenigstens halbwegs logisch zu erklären. Der Selbstzweck der Effekte steht an erster Stelle. Gott sei Dank ist sowieso alles an den Fällen so komplex, dass der Zuschauer nicht mehr in der Lage ist, die vielen Details in eine nachvollziehbare Ordnung zu bringen. Die Lösung darf nicht auf der Hand liegen, koste es was es wolle. Damit hält uns Francis Durbridge in fesselnder Neugier. Wir müssen wissen, wie es weitergeht. Doch es gibt auch Nachteile dieses Konstruktionsplanes ohne Drama und Figurentiefe. Wenn der Effekt „aha, der war es also“ verpufft ist, kann der schale Gedanke kommen „der hätte es aber auch gewesen sein können“. Die Wirkung ist schnell vorbei. Nach der kurzweiligen Fernsehunterhaltung kann der Alltag wieder weitergehen. Meine Urgroßmutter sah in den 1960er Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben einen Krimi im Fernsehen – auf dem neu angeschafften Fernsehgerät von Verwandten. Sie war entsetzt: so etwas Schreckliches hätte sie noch nie gesehen, auf keinen Fall wolle sie so ein Gerät in ihrem Haushalt haben. Die Durbridge-Mehrteiler nahmen Rücksicht auf derart unerfahrene Rezipienten. Selten wurden Morde gezeigt, Gewalt blieb äußerst sparsam dosiert und Blut sah man an den entdeckten Mordopfern so gut wie nie. Es ist fast rührend, wie behutsam Fernsehkrimis im Vergleich zu Kriminalfilmen im Kino mit den Zuschauern umgingen. Die Formel für Kriminalfilme in den 1960er Jahren war in etwa: Im marktorientierten Kino schillernder Edgar Wallace-Pulp für die Jugend, im staatlich finanzierten Fernsehen seriöse Kriminalunterhaltung für alle. Im Gegensatz zum Kino wollte man seriös sein. Die Ernsthaftigkeit des Themas Verbrechen ließ zum Beispiel Humor weitgehend unangebracht erscheinen. Der Verdacht liegt nahe, dass die Fernsehmacher geradezu den Ehrgeiz hatten, ein von Blut und Gewalt entschlacktes elementares Krimimodell zu präsentieren. Der Großteil der Szenen wurde mit recht konventioneller Kameraführung im Studio gedreht. Außenaufnahmen blieben rar, wurden aber besonders ab „Die Schlüssel“ (1965) quantitativ mehr, wenn auch schon im zweiten Mehrteiler „Es ist soweit“ (1960) ambitionierterweise sogar in London gedreht wurde. Qualitativ allerdings wirken sie – besonders aus zeitlicher Distanz betrachtet – vor allem in den früheren Mehrteilern wie unbeholfene Notwendigkeiten. Und so wichtig waren sie ja auch nicht für den Erfolg der Krimis. Ausschlaggebender war die illustre Auswahl sehr guter Schauspieler. Das war vor allem deshalb von Vorteil, weil Dialoge im Vordergrund standen. Selten sehen wir Vorgänge ohne Text. Durbridge-Mehrteiler waren eben Studioproduktionen. Und vielleicht lag gerade darin ihre phänomenale Anziehungskraft. Die Durbridge-Mehrteiler von „Es ist soweit“ (1960) über „Das Halstuch“ (1962) bis hin zu „Melissa“ (1966) waren die eigentlichen Fernsehereignisse, die die inzwischen inflationär verwendete Bezeichnung Straßenfeger prägte und rechtfertigte. Erstaunlich hohe Einschaltquoten zeugen vom großen Interesse an den Rätselspielen. Diejenigen, die noch ohne Fernsehapparat auskommen mussten, saßen häufig bei Nachbarn, um ihre große Neugier auf die nächste Folge zu stillen. Oft wurde darüber berichtet, dass insbesondere bei der Ausstrahlung der letzten Folge Restaurants, Kinos und eben auch Straßen wie leergefegt erschienen. Einschaltquoten von über 80 bis sogar über 90 Prozent belegen das. Hauptdarsteller wie Heinz Drache, Harald Leipnitz, Günther Stoll oder Ruth Maria Kubitschek steigerten ihren Bekanntheitsgrad durch Durbridge enorm. Erstmals gab das Fernsehen dem Kino Impulse, denn Horst Wendlandt engagierte die auffälligsten Darsteller mehrfach. Heinz Drache, Margot Trooger und Günther Stoll fanden sich kurz nach Durbridge im Edgar-Wallace-Kino wieder. Auch Filmkomponist Peter Thomas wurde der breiten Masse durch seine Musik zu „Melissa“ namentlich bekannter. Er hatte zwar vorher schon Musik zu „Es ist soweit“ (1960) und „Die Schlüssel“ (1965) beigesteuert, aber die „Melissa-Melodie“ wurde tatsächlich auch ein Schallplattenerfolg und erklomm Platz 4 der Charts. Im Grunde genommen hatte Peter Thomas nicht viel mehr zu tun, als Titelmusiken zu schreiben, da die dialogreichen Filme mit minimalen Action-Anteilen immer noch mehr an Fernsehtheater als an das Kinoangebot der Zeit erinnerten. Sie boten wenig Platz für begleitenden Soundtrack. Nach „Melissa“ sollte es allmählich etwas schwieriger für den WDR werden, den Erfolg der Durbridge-Mehrteiler aufrechtzuerhalten. Die ARD bekam Konkurrenz durch das ZDF, das auch fleißig Krimis produzierte und ab 1967 mit aufwändigen Dreiteilern von Herbert Reinecker auftrumpfte. Außerdem wurden zunehmend Spielfilme im Fernsehen ausgestrahlt. Zwei Durbridge-Adaptionen für die Kino-Leinwand hatten gezeigt, wie wenig die Geschichten dafür geeignet waren. Wilhelm Semmelroth, Chef der Fernsehspielabteilung des WDR, musste bereits mit „Tim Frazer – Der Fall Salinger“ einen kleinen Erfolgsrückgang hinnehmen und steuerte mit der Reduzierung von sechs kurzen auf drei längere Folgen dagegen. Nach „Melissa“ (1966) schien das erfolgreiche Durbridge-Konzept fast zu einer Falle zu werden. Die elementare Konstruktion erschien im Verhältnis zur Konkurrenz schal, der Verzicht auf Humor im Kontext Mordfall mittlerweile bieder und Action scheiterte am Budget und am Knowhow der Fernsehmacher. Nach „Ein Mann namens Harry Brent“ (1968), den der erfahrene Literaturverfilmer Peter Beauvais etwas zu spröde inszenierte, brachte Regisseur Rolf von Sydow wieder etwas Elan ins Thema. „Wie ein Blitz“ (1970) war der erste Farbmehrteiler. Deutlich mehr Außenaufnahmen, brauchbare Action und ein von den vorherigen Storys abweichender Handlungsaufbauu nahmen dem Sujet allerdings den vertrauten Charme der frühen 1960er Jahre. Die Gesellschaft hatte sich sichtbar verändert. Neben „Tatort“, „Der Kommissar“, Hitchcock- und Edgar-Wallace-Filmen konnte „der neue Durbridge“ kaum noch ein Fernsehereignis so wie in frühen Tagen sein. Zudem wurde in deutsch-britischer Koproduktion die Fernsehserie „Paul Temple“ mit vielen Einzelfolgen produziert. Das Publikum war vom Überangebot Krimi gesättigt und hatte längst neue Sehgewohnheiten. Sydow lieferte mit „Das Messer“ (1971) und „Die Kette“ (1977) noch zwei weitere engagiert produzierte Mehrteiler von einiger Qualität. Doch ab und zu besannen sich Fernsehanstalten in den 1980er Jahren noch auf die alten Erfolge. Mit dem Wissen, dass es jetzt anders gemacht werden musste: abgeschlossene Fernsehspiele mit Boulevardtheater Charakter erinnern noch nostalgisch an die Zeit, in der das Fernsehen mit Kriminalspielen von Francis Durbridge legendäre Erfolge feiern konnte. Besonders die frühen Durbridge-Mehrteiler zeigen ein extrem reduziertes Krimimodell, das unter den gegebenen historischen Bedingungen eine erstaunliche Wirkung entfalten konnte – und gerade seine Beschränkungen erklären sowohl seinen Erfolg als auch seinen späteren Niedergang.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.