Derrick - Tote Vögel singen nicht (1976, Folge 19)

Hysterie im Fernsehen, Aufregung bei den Zuschauern 

Die Kamera ist ständig in Bewegung: Von der Nahaufnahme eines atmosphärischen Details zu den handelnden Personen, Reißschwenk zwischen den Personen, abschließend Zoom zur Nahaufnahme eines ausdrucksstarken Gesichts, schwitzend, verängstigt, drohend, erschöpft, betrunken oder schockiert. Oder: Halbnahaufnahme von gehenden Personen, man sieht nur scheinbar zufällige Ausschnitte, Gesichter bleiben zunächst außerhalb des Bildausschnitts; die Kamera geht mit den Personen; am Ziel Reißschwenk und Zoom zu der Person, die man aufsuchen will. Oder: im fahrenden Auto ruckelnde Handkamera mit Schwenks zwischen den Köpfen der Insassen und Zoom zum noblen Autotelefon. Die Settings sind eindrucksvoll: Im Moorbad zeigt uns die Kamera in der unteren Hälfte des Bildes die schwarz-grüne Brühe, die obere Hälfte den nebligen Dunst, in der Mitte groß zwei Köpfe. Wenn der eine den Kopf des anderen in die Tiefe drückt, zoomt die Kamera noch näher ran und bleibt nicht mehr still, bis dieser in der Brühe verschwunden ist. Die Schnitte zwischen den Szenen zeigen maximale Kontraste: Von der Leiche auf der Müllhalde ins Schwimmbad des Gangsterkönigs; ins Boxstudio, in dem Derrick trainiert (!); zu halbnackten Menschen in einem Bordell, die man als Living Dolls für Geld fotografieren darf; direkt ins Gesicht des unter Druck stehenden Anwalts, der ständig schwitzen muss; an die mit Kette verschlossene Tür einer bescheidenen Etagenwohnung. Dieser nervöse, oder sagen wir besser hysterische Stil suggeriert Brisanz. Detailaufnahmen von Gegenständen, scheinbar zufällige Ausschnitte von den Protagonisten oder Handkamera erzeugen einen vorgeblich naturalistischen, manchmal dokumentarischen Eindruck, der aber durch ruhelose Zooms und Schwenks expressiv verarbeitet wird. Schauplätze stehen in maximalem Kontrast zueinander. Hier kocht alles. Zusammenfassend könnte ich auch sagen: Regisseur Alfred Vohrer ist hier in seinem ureigenen Element. Nicht einmal in den extremeren Simmel-Filmen ist sein Stil so dicht. Oft liest man darüber: „Vohrers Stil will Spannung erzeugen, wo keine ist“ oder „Zooms zu bedeutungslosen Gegenständen“. Dem muss ich widersprechen. Vielmehr zeigt uns Vohrer, wo die Spannung liegt und selbst die scheinbar bedeutungslosen Gegenstände besitzen durchaus atmosphärisches und erzählerisches Gewicht. Das vorgeblich Dokumentarische ist Stilmittel einer exploitativen Filmsprache. Damit Vohrer diese Filmsprache in Reinform zelebrieren konnte, bedurfte es einer entsprechend angelegten Story, die Herbert Reinecker in Idealform lieferte. Die Ideen für seine Geschichte hätten für einen Dreiteiler oder für drei Derrick-Folgen gereicht. Hier kommt Vohrers Begabung zum Tragen, komplexe Geschichten in begrenzter Zeit verständlich zu erzählen. Mehr als zehn wichtige Figuren finden sich in Handlungssträngen wieder, die inhaltlich gut ineinandergreifen. Da ist zunächst der feiste Gangsterkönig Malenke mit seinen geschniegelt auftretenden jungen Schergen und seiner Geliebten, dessen Machtposition zunehmend ins Wanken gerät. Parallel dazu steht der ständig überforderte Anwalt Dr. Schöne massiv unter Druck, während seine dominante Sekretärin, zugleich seine Ex-Frau, eine ganz eigene Dynamik in die Handlung bringt. Hinzu kommt die Geschichte einer jungen Prostituierten, die vor einer ausweglosen Situation in den Alkohol und schließlich zur vom Leben gezeichneten, rauen und zynischen Mutter flüchtet. Und selbst diese Figuren bilden nur einen Teil des weit verzweigten Personengeflechts. Für das Drama-Tohuwabohu steht ein erstaunlich opulent besetztes Darstellerensemble zur Verfügung. An erster Stelle sind Hans Korte als Gangsterkönig Malenke und Hans Caninenberg als Anwalt Dr. Schöne zu nennen. Zum Vergnügen der Zuschauer gestalten sie ihre Rollen extrem deutlich. „Knallchargen“ könnte man meinen, doch das wäre viel zu einfach gedacht. Denn ihre scharf umrissenen Charaktere geraten immer wieder in Situationen, die neue Farben verlangen. Dadurch entstehen signifikante Szenen von überraschender Köstlichkeit, wenn zum Beispiel der Gangsterboss die dreiste Flucht nach vorn antritt und Derrick unterstellt, „ihm spuke da etwas im Kopf“ oder der Anwalt als Zeuge auf eine routinierte Nachfrage stoisch und technokratisch antwortet: „Das ist eine klare Aussage und es ist die einzige Aussage“. Auch Doris Kunstmann als Prostituierte darf ihre abweisende Empathielosigkeit verlassen, wenn sie Fotos von ihrer ermordeten Freundin sieht. Tilly Lauenstein, Lola Müthel, Thomas Astan, Uli Kinalzik, Wolfgang Stumpf und Dieter Eppler können als klare Typen auf dem geeigneten Teppich ihre Funktion mit Bravour erfüllen. Dass gar Harald Leipnitz, derzeit Kinohauptdarsteller, eine kleinere Rolle als Geschäftsführer im Rotlichtmilieu übernimmt, dürfte dem guten Verhältnis zu Alfred Vohrer und dem Wiedersehen mit seinem alten Schauspiellehrer Hans Caninenberg geschuldet sein. Die überbordende Spiellaune aller Beteiligten lässt ohnehin auf eine motivierte Arbeitsatmosphäre schließen, die Vohrers Produktionen häufig nachgesagt wurde. „Tote Vögel singen nicht“ erscheint als Reminiszenz zu Vohrers Exploitation-Kracher „Perrak“. Die Eröffnung auf einer winterlichen Müllhalde samt hinwegfliegender Krähen und Leiche ist fast identisch. Und Rolf Kühn steuert hier wie da einen Score bei, der nicht weit weg von Peter Thomas`grellen Soundtrack ist, nur etwas konzentrierter und ernsthafter. Schon in „Perrak“ war Horst Tappert der titelgebende Ermittler. Seinen rauen Tonfall durfte er auch in „Tote Vögel singen nicht“ zelebrieren. Man hätte den Ermittlern wohl gern entsprechend flapsige Dialoge gegeben. Die Bemühungen wirken allerdings eher kurios; vom späteren Synchrongenie eines Rainer Brandt ist man hier noch weit entfernt. Kaum eine Derrick-Folge steht dem Kino so nahe wie ‚Tote Vögel singen nicht‘. Es erscheint im filmhistorischen Zusammenhang fast logisch, dass es nach Vohrers Wechsel vom Kino zum Fernsehen zu einer solchen Folge kommen musste und zugleich logisch, dass dieser hysterische Stil in weiteren Folgen abgeschwächt werden sollte. Die Publikumsproteste waren (leider) eindeutig, die Kritik an der Anzahl von ganzen fünf Morden in einer Folge nur das äußerliche Argument. Und so blieb „Tote Vögel singen nicht“ eine in ihrer gestalterischen Geschlossenheit auffällige Folge, deren singuläre Qualität selten erkannt wurde.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.