Ein massentauglicher Hit
Eine Femme fatale, so attraktiv wie rätselhaft, zieht einen angekratzten Protagonisten in eine mörderische Geschichte. Dazu eine melodramatische Musik, die die Beziehung der beiden heftig emotionalisiert, ohne dass wir weitere Zusammenhänge durchschauen. Das ist die Formel für einen klassischen amerikanischen Film Noir. Bilder von Rita Hayworth, Gene Tierney, Robert Mitchum oder Orson Welles tun sich auf. Oder man denkt an einen italienischen Kriminalfilm von Lucio Fulci oder Sergio Martino, an fantastische Musik von Stelvio Cipriano oder Riz Ortolani. Oder, um wenigstens eine Spur zeitgemäßer zu sein, an Momente aus David Lynch-Filmen. Und zwischen all diesen großen Beispielen schreibt Herbert Reinecker 1979 diese prototypische Film Noir-Geschichte für die Derrick-Serie. Es fühlt sich ungerecht an, wenn man solche Vergleiche zu Derrick heranzieht. Doch schon mit „Der Kommissar“-Folgen hat Helmut Ringelmann bewiesen, dass er Serienfolgen produzieren konnte, die zwar große Vorbilder variierten, sich aber keineswegs dahinter verstecken mussten. In manchen Fällen überragten die Vorbilder trotz bescheidener Mittel sogar viel teurere Produktionen. Das konnte gelingen, weil das Fernsehen viel offener für unkonventionelle Gestaltungsideen war als die auf wirtschaftliche Sicherheit angewiesene Filmproduktion. Herbert Reineckers Story bietet ideales Material für eine ästhetische Film Noir-Gestaltung. Inklusive Plot Twist, wenn nämlich der mögliche Mörder, anstatt eine schummerige Verbrecherkneipe aufzusuchen, als Besucher in einer psychiatrischen Anstalt verschwindet. Doch bevor die Erwartungen zu groß werden: in „Ein Todesengel“ bleibt alles hausbacken. Für den Ringelmann-Kosmos ist 1979 die Zeit der Experimentierfreude vorbei, die Derrick-Folgen dürfen ein Massenpublikum weder überfordern noch enttäuschen. Und so bleibt Sabine von Maydell als geheimnisvolles und wortkarges Objekt der Begierde eine am Ende doch durchschnittliche junge Frau ihrer Zeit. Christian Quadflieg verkörpert den angekratzten Protagonisten zwar sehr präzise und nuanciert, doch die nötige Portion Schmutz, die klassische Film-Noir-Filme für einen solchen Helden noch riskierten, verkneift man sich. Immerhin werden Verwerfungen in dessen Elternhaus mit Elan dargeboten. Schon wieder Dirk Dautzenberg als spießbürgerlicher Vater? Egal, seine Performance ist so hinreißend, dass Brigitte Mira als Mutter fast zur Stichwortgeberin wird. Und Thomas Fritsch als potenzieller Mörder, der sich im Laufe der Handlung als kultivierter Konzertpianist erweist, ist ideal besetzt. Eine mögliche Explosion seiner Seelenzustände allerdings wird höchstens angedeutet. Man könnte sagen, Extreme werden konsequent zurückgenommen. Die Figuren behalten ihre Ecken und Kanten, dürfen sie aber nie so weit ausleben, dass sie den Rahmen einer alltagstauglichen Fernsehwirklichkeit sprengen. Oder anders gesagt: Ecken und Kanten werden zugunsten einer oberflächlichen Konsumierbarkeit geopfert. Regisseur Alfred Vohrer inszeniert die Story mit zurückhaltender Professionalität. Seine „hysterische Kamera“, die wir aus Simmel-Filmen und frühen Derrick-Folgen kennen, wird nicht mehr eingesetzt. Doch Vohrer weiß, dass solch eine Geschichte Musik braucht. In alten Ringelmann-Krimis wäre das die Gelegenheit, einen aktuellen Hit, der für sich genommen nur angenehme Background-Musik gewesen wäre, zur emotionalisierend melodramatischen Leithymne der Folge zu machen. Der relativ neue Komponist Frank Duval, der innerhalb des Ringelmann-Kosmos nun endgültig Peter Thomas oder Hans-Martin Majewski als Soundgeber ersetzt, liefert eine solche Leitmelodie. Leider wirken die damals aktuellen digitalen Sounds heute frappierend naiv, wenn nicht gar billig. Doch wenn das Thema in die Subdominant-Tonart wechselt und eine Gitarre dazukommt, kann man sich der Wirkung nicht entziehen. Manchmal schmeckt Fast Food eben auch überraschend gut. Dem Komponisten kann meine böse Kritik egal sein, denn „Todesengel“ mit „Frank Duval & Orchestra“ mutierte in der Woche nach der Erstausstrahlung zum Chart-Hit. Kurz vor den 1980er Jahren haben Ringelmann und Vohrer erkannt, dass der Massenerfolg keine Überforderung verträgt. Bald werden die Privatsender den Quotendruck zusätzlich verschärfen. Und es wird auch klar, dass es auf der einen Seite ein kleines Publikum gibt, das eher die kantigen frühen Derrick-Folgen oder die Kommissar-Serie zu schätzen weiß und auf der anderen Seite ein Publikum, das es sich in der angenehmen Konsumierbarkeit der 1980er-Derrick gut gehen lässt. Vom Wahnsinn früherer Zbyněk-Brynych-Folgen ist nichts mehr geblieben. Der Preis dafür kann den gestandenen Machern in reifen Jahren eigentlich egal sein: von nun an wird das Fernsehpublikum ganz allmählich immer älter werden. Einem jüngeren und ästhetisch interessierten Nischen-Publikum werden Mitte der 1980er Jahre die Filme David Lynchs Erlösung bringen. „Ein Todesengel“ wagt keinen kompromisslosen Film Noir mehr, erinnert aber daran, welches erzählerische Potenzial selbst der mittlerweile fest etablierte Derrick noch besaß.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.