Derrick - Das Superding (1976, Folge 26)

Gert Fröbe, Romy Schneider, Hardy Krüger, Klaus Kinski, Elke Sommer waren es leider nicht. Immer wieder versuchte Produzent Helmut Ringelmann deutschsprachige Stars des internationalen Films als Stargast für „Der Kommissar oder Derrick zu ködern. Selbst wenn er eine extraordinäre Gage angeboten hatte, stand immer noch die Frage im Raum, ob dem jeweiligen Star nicht große Filmangebote durch die Lappen gingen, weil man sich terminlich auf eine Fernsehkrimifolge eingelassen hatte. Doch bei Curd Jürgens, Lilli Palmer, Peter van Eyck, Maria Schell und Horst Buchholz hat es funktioniert. Vielleicht wussten sie, dass ihre Prominenz gerade durch einen Fernsehkrimi einen hohen Status behält – oder sogar die Popularität steigert. Bei Robert Hoffmann zum Beispiel führte die Nicht-Präsenz im deutschen Fernsehen dazu, dass ein international tätiger Hauptdarsteller im deutschsprachigen Raum fast vergessen wurde. Autor Herbert Reinecker war mühelos in der Lage, dem jeweiligen Star eine Rolle zu schreiben, die abseits von dessen Rollenklischees lagen. Curd Jürgens, Lilli Palmer und Maria Schell haben mit spürbarer Lust interessante Charakterporträts abgeliefert. Horst Buchholz war in erster Linie Teenager-Idol seit den späten 1950er Jahren bis in alle Ewigkeit, aber auch ein ewig unterschätzter Schauspieler. Ich sah ihn persönlich bei Dreharbeiten zu einem seiner letzten Filme – mittlerweile desorientiert und etwas derangiert. Doch in Sekundenschnelle war der alte Mann in der Lage mit Präzision einen Charme zu versprühen, der das Alter vergessen ließ. Doch 1976 war Buchholz noch in seinen besten reifen Jahren. Reinecker schrieb ihm für „Das Superding“ die Rolle eines Mathematiklehrers mit autistischen Zügen und narzisstischem Selbstbild; ein Einzelgänger, der seinen Job verlassen hat und nun Discothekenbesitzer ist. Doch er will zur Selbstbestätigung seines Genies einen perfekten Bankraub durchführen. Dafür müssen seine Helfershelfer einen Tunnel von der Diskothek zum Tresorraum der gegenüberliegenden Bank graben. Zugegeben, das ist harter Tobak. Aber: Horst Buchholz bekommt ein saftiges Rollenprofil geboten. Außerdem wusste Reinecker ganz genau, dass er seine tragischen Moralfolgen hin und wieder auch „Classic Crime“ auflockern musste. Buchholz konnte sich in dieser Rolle einprägsam profilieren, nicht zuletzt, weil Regisseur Wolfgang Becker ihm reichlich Kontrast schenkt. Wenn funkige Discobeats die kriminellen Aktivitäten untermalen, wirkt der im schnörkerlosen Anzug und mit Mathematiker-Brille versehene Lehrer wie ein Fremdkörper im Geschehen. Auf der Bühne der Diskothek tanzen Go-Go-Girls. Wir haben bereits gesehen, dass sie den ganzen Tag üben, das rechte und linke Bein zu bewegen. Doch mehr als ihr Tanz scheint das Topless-Outfit ihr Vorzug zu sein. Die Kamera hält drauf und das ganze wirkt fast selbstzweckhaft; wir sind eben noch mitten in den 1970er Jahren. Erotikstar Christine Schuberth wurde extra engagiert. Nie wieder danach sollte Derrick so freizügig sein. Und doch machen die freizügigen Bilder Sinn, wenn man nämlich den erotisch völlig desinteressierten Mathematiklehrer vor dieser Kulisse sieht. Eine Welt der körperlichen Reize trifft auf einen Mann, für den ausschließlich die eigene geistige Überlegenheit zählt. Auch der Bankdirektor (Ulrich Haupt) und der Tunnelgräber (Gottfried John) sind menschlich wirkende Gegensätze zu dem Genie. Doch der größte Gegensatz kommt erst nach zwei Dritteln Laufzeit: Der kleinwüchsige Schauspieler Fritz Hackl (wir kennen ihn aus „Die Blechtrommel“) spielt als „Herr Kranz“ die Schlüsselrolle für den Geldraub, da nur er durch die kleinen Luftschächte der Bank klettern kann. Kranz lässt sich siezen, trägt einen ebenso feinen Anzug wie der Mathematiklehrer und scheint ein ebenso starkes Selbstwertgefühl wie dieser zu besitzen. Wie ein Alter Ego. Doch der optische Gegensatz zwischen dem attraktiven Star und dem kleinwüchsigen Einbruchsspezialisten erzielt eine beinahe surreale Wirkung, denn Kranz ist weniger der Gegenpol des Mathematikers als dessen Spiegelbild. Beide Männer kompensieren ihre gesellschaftliche Außenseiterrolle durch die Vorstellung, etwas Besonderes zu sein. Der Bankraub gelingt zunächst, der Mathematiklehrer fühlt sein Genie bestätigt. Gelegenheit für Horst Buchholz, noch einmal eine Schippe draufzulegen. Als Derrick ihn schließlich überführt, ist das kein Problem für das Genie. Eher der Moment der Apotheose. Wer den nebensächlichen Mord am Anfang der Folge ausgeführt hat, verrät der Lehrer ohne Umschweife. Darauf folgt nur noch sein irrsinniges Lachen, das sich mit dem Lachen des Kleinwüchsigen vermischen soll. Ja, es hat Spaß gemacht, sich die Folge anzusehen, wenn auch Wolfgang Becker schon überzeugendere „Classic Crime“-Folgen, zum Beispiel für den „Kommissar“ beigesteuert hat („Der Moormörder“, „Traum eines Wahnsinnigen“). Doch im Farbfernsehen Mitte der 70er Jahre haut die Balance aus Realismus und Pulp nicht mehr so selbstverständlich hin. In Zukunft wird Derrick in dieser Hinsicht vorsichtiger sein. Seis drum, auf jeden Fall ist das Engagement von Horst Buchholz schon ein kleines Superding.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.