Wie ein Blitz (1970)

Produktion: Joachim Glaser, Fred Ilgner; Westdeutscher Rundfunk 
Regie: Rolf von Sydow 
Buch: Francis Durbridge (Original), Marianne de Barde (deutsche Übersetzung) 
Musik: Sam Spence 
Mit: Peter Eschberg, Ingmar Zeisberg, Paul Hubschmid, Horst Bollmann, Albert Liebven, Eva Pflug, Karl-Heinz Vosgerau, Christine Kaufmann, Gisela Trowe, Grete Wurm, Fred Maire, Herbert Tiede u.a. 

Der WDR konnte es nicht lassen. Obwohl 1968 mit „Ein Mann namens Harry Brent“ Höhepunkt und Ende der beliebten Durbridge-Mehrteiler angekündigt worden war, wurde zwei Jahre später weiter produziert. Möglicherweise hatte die mäßigere Publikumsreaktion den Ehrgeiz entfacht. Die von den Machern als äußerst gelungen eingeschätzte Konzeption des Vorgängers hielt man indessen trotzdem für die richtige Richtung, vielleicht brauchte man für „Wie ein Blitz“ nur Korrekturen: Farbe statt Schwarzweiß, echte Action und einen neuen Regisseur, dessen leichte Eleganz für den Stoff adäquater erschien. Der WDR versucht, die Modernisierung fortzuführen und zugleich die Schwächen von Harry Brent zu korrigieren. Das Grundkonzept wurde aber schon durch Durbridges Vorlage auf bekannten Pfaden weitergeführt. Die Hauptfigur, die Durbridge seit „Tim Frazer“ (1963 und 1964) immer weiter von braver Bürgerlichkeit entfernt hatte, ist jetzt nicht mehr nur Außenseiter („Melissa“, 1966) oder Verdächtiger („Ein Mann namens Harry Brent“) – er ist ein Mörder. Das Gegenteil des energischen Inspektors Heinz Drache aus „Das Halstuch“ (1962). Die 1970er Jahre waren da! Statt der üblichen Tätersuche fiebern wir erst einmal mit, wie Täter und dessen Komplizin versuchen, sich der Überführung zu entziehen. Aber Durbridge wäre nicht Durbridge, wenn da nicht noch ein Unbekannter mitmischen würde und weitere Morde zu verantworten hätte. Das ergibt eine Geschichte, die stark fesseln kann, dem Publikum aber eine ungewohnte Figurenkonstellation aufbürdet. Mit der Entwicklung ambitionierter Konzepte führte der WDR die Durbridge-Mehrteiler in neues Fahrwasser. Genauso ambitioniert, wie schon in „Ein Mann namens Harry Brent“ war die Besetzung. Man setzte wieder auf einen heterogenen Mix von Newcomern und bekannten Filmstars. Hauptprotagonist ist diesmal Peter Eschberg, ein hervorragender Schauspieler aus bester Theatertradition. Als Mörder Mark Paxton hat er darstellerisch einiges zu leisten. Seine Komplizin Diana Stewart wird von der filmerfahrenen Ingmar Zeisberg gespielt. In den Kriminalfilmen „Der Würger von Schloss Blackmoor“ (1963) und „Das Wirtshaus von Dartmoor“ (1964) war sie auf den Typ der erotischen stark anziehenden, und wohl gerade deswegen halbseidenen Frau festgelegt. Eigentlich prädestiniert, zum Opfer zu werden. In gemäßigter Form trifft das auch auf „Wie ein Blitz“ zu. Man kann sicher streiten, ob die Besetzung glücklich war. Eschbergs klug differenzierte Darstellung konnte gerade im kinofernen Ampex-Bild zu theaterhaft wirken. Wenn man an Horst Frank oder Götz George denkt, so vermissen manche eine lässige Unmittelbarkeit im Spiel. Ingmar Zeisbergs Figur gelingt da etwas besser. Wenn auch nicht auf Höhe der Zeit, so kann sie doch als eine reife Frau in Gewissensnot überzeugen. Dass ausgerechnet Horst Bollmann den ermittelnden Inspektor darstellt, ist wiederum eine überzeugende Idee. Seine wenig heldenhafte Physiognomie macht aus ihm einen bodenständigen Bürger, der mit Klugheit glänzen muss. Glamouröse Filmschauspieler sind als Kontrast in weiteren Rollen besetzt. Auch hier mit unterschiedlichem Effekt. Die männliche Attraktivität und kosmopolitische Lässigkeit von Paul Hubschmid steht dem Hauptdarsteller Peter Eschberg unnötig im Wege. Die Figurenkonstellation gerät leicht aus dem Lot. Hingegen ist Christine Kaufmann als seraphische Schönheit Glanzpunkt in einer Episode des Mehrteilers. Und schließlich ist da noch Albert Lieven: das Durbridge-Urgestein spielt eine Rolle, die in seinen drei bisherigen Durbridge-Parts noch nicht dabei war: die des Mordopfers. Eine schön selbstreflexive Idee! In weiteren Rollen brillieren unter anderem die verdächtige Eva Pflug (auch schon zum dritten Mal in einem Durbridge-Krimi), der bewusst künstlich-distinguiert wirkende Karl-Heinz Vosgerau und ganz besonders Gisela Trowe als derbhaft gezeichnete Person. Ich halte Rolf von Sydow für den geeignetsten Regisseur innerhalb der Reihe, auch wenn seine Filme nicht mehr die Höhepunkte der Durbridge-Mehrteiler waren. Seine unbeschwerte Eleganz und sein Gefühl für Ästhetik scheinen mir passgenauer für Durbridge zu sein als die altmodische Filmerfahrung von Paul May oder die theaternahe Intellektualität von Peter Beauvais. Von Sydow sollte noch mit zwei weiteren Durbridge-Mehrteilern in sein Know-how hineinwachsen, wenn auch die voranschreitende Zeit gegen Durbridge arbeitete. Ach ja, und diesmal gab es richtig Blut und Action. Die ARD kam nicht mehr drum rum. Albert Lieven, der in gepflegten Vorgängern distinguierte Herren darstellte, musste sich im Jahre 1970 mit mächtig Kunstblut einsudeln lassen. Metaphorisch für die Transformation in ein neues Jahrzehnt. Im dritten Teil wird es richtig filmisch: Action wie nie zuvor wurde aufgeboten. Auch kompetent wirkend. Doch während große Regisseure von Hitchcock bis de Palma und auch Herbert Reinecker von der ZDF-Konkurrenz wussten, dass Action der Schlusspunkt sein müsse, mit dem sich das grundlegende Drama entlädt, gibt es in „Wie ein Blitz“ eine Schieflage. Nicht Mark Paxton, die eigentliche Hauptfigur, muss sich mit Motorboot und an Klippenhängen bewähren, sondern der „andere“ Verbrecher. Fast könnte man meinen, Peter Eschberg sei für das theaterhafte, Paul Hubschmid für das filmische Geschehen zuständig. Mit „Wie ein Blitz“ hatte der WDR ausgelotet, wie weit man mit Durbridge gehen konnte, und so bildet dieser Mehrteiler den Grenzpunkt. Und so viel Mühe man sich auch gegeben hatte, insbesondere mit den Action-Szenen im dritten Teil – gegen das Konkurrenzprojekt des ZDF, den kurz zuvor ausgestrahlten Herbert-Reinecker-Dreiteiler „11 Uhr 20“, wirkte „Wie ein Blitz“ ungelenk. Doch schon ein Jahr später kehrte man wieder zum Thema Durbridge zurück und ließ es etwas klassischer angehen.

Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.