Produktion: John Olden
Norddeutscher Rundfunk
Regie: Joachim Hoene
Buch: Francis Durbridge (Original), Marianne de Barde (deutsche Übersetzung)
Musik: Siegfried Franz
Mit: Albert Lieven, Wolf Frees, Heinz Klingenberg, Helmuth Rudolph, Ingeborg Körner
Die wenigen Fernsehapparate in bundesdeutschen Haushalten waren zumeist eingeschaltet: Ein sechsteiliger Fernsehkrimi von Francis Durbridge versprach gute Unterhaltung und übertraf die Erwartungen der Zuschauer im Jahr 1959, einer Zeit, in der Fernsehspiele noch nah am abgefilmten Theater waren. Erfahrungen hatte man praktisch gar keine. „Der Andere“ war somit erst einmal ein Versuch, einen seriösen Fernsehkrimi zu präsentieren. Die Fernsehverantwortlichen begriffen „seriös“ zu dieser Zeit vor allem in der Vermeidung reißerischer Kinotrivialität, sowohl inhaltlich als auch gestalterisch. Der Erfolg animierte zu weiteren Durbridge-Produktionen im jährlichen Abstand. Im Vergleich dazu wirkt „Der Andere“ noch etwas hölzerner und ungelenker, so dass heutige Zuschauer schon ein ausgesprochenes Interesse mitbringen müssen, um den Charme einer so frühen Fernsehproduktion zu geniessen. Doch „Der Andere“ leistet auch Wegweisendes für die Zukunft: Die Besetzung der Hauptrolle mit Albert Lieven. Lieven war der einzige im Cast, dem man damals schon einen gewissen Starstatus zusprechen konnte. Er lebte in London und Deutschland, spielte in internationalen Filmen und seine Gentleman-Attitüde strahlte eine Selbstverständlichkeit aus, die maßgeschneidert zu einer Durbridge-Figur passte. Ausstrahlung kam der Durbridge-Welt viel mehr zugute als Expressivität. In insgesamt vier Durbridge-Mehrteilern eingesetzt, wurde Albert Lieven so etwas wie das Gesicht dieses Genres. Ob als Verdächtiger, Ermittler oder Mordopfer – Lieven passte perfekt. In „Der Andere“ erleben wir eine für Durbridge typische Grundkonstellation: Der Hauptprotagonist ist ein sympathischer Verdächtiger, von dessen Unschuld wir aber überzeugt sind. Dem gegenüber steht ein Inspektor, der den Fall untersucht und der im Laufe der einzelnen Teile aber immer mehr von der Unschuld des Hauptprotagonisten überzeugt ist – und dadurch diesem und uns immer sympathischer wird. Für alle, die sich auf museale Filmzeugnisse einlassen, bietet „Der Andere“ einfache, aber charmante Unterhaltung.
Verfasser: Hans-Jürgen Osmers I Sämtliche Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne Zustimmung und Quellenangabe nicht anderweitig verwendet werden.